Der Tatort am vergangenen Sonntag – Propaganda gegen den Rechtsstaat

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 14.05.201423121 Aufrufe

Der Tatort („Ohnmacht“) am letzten Sonntag hat bei mir einen gewissen Ärger entfacht. Nicht so sehr wegen der Geschichte, die durchaus spannend erzählt war. Und auch nicht wegen des Themas „Jugendgewalt“, die in der Realität zwar abnimmt, aber immer noch ein gravierendes gesellschaftliches Problem darstellt.

Ich erwarte von Krimis auch gar nicht, dass sie quasi-dokumentarisch über die Arbeit von Polizei und Justiz berichten. Anlass meines Ärgers war aber der Eindruck, dass knapp hinter der Fassade einer spannenden Kriminalgeschichte mittels der positiv belegten Protagonisten Ballauf und Schenk eine Art Abrechnung mit korrekt arbeitenden Juristen, aber dadurch auch mit Recht und Rechtsstaat stattfand.

Ein von einer Straftat betroffener Polizeibeamter sollte nicht in der Sache ermitteln, in der er selbst Opfer ist  (hier eines Totschlags- bzw. Mordversuchs). Diese selbstverständliche Einsicht, schon ein Gebot des gesunden Menschenverstands, ist dem Herrn Ballauf, dem Sympathieträger in der Sendung, nicht zu vermitteln. Er ist nicht nur – verständlicherweise – emotional betroffen, sondern hat sich schlicht nicht unter Kontrolle. Er und sein Kollege Schenk ignorieren die Anweisungen von oben. Nebenbei: Es ist einer der häufigsten und mittlerweile abgekautesten Plots in Kriminalgeschichten, dass die beamteten Helden vom Fall abgezogen werden, aber dann doch weiterermitteln. Eigentlich geht so etwas nur noch als Ironie oder Witz durch. Aber hier in Köln geschah es nicht einmal heimlich (wie vorletzten Sonntag in München), sondern offen unter den Augen der Vorgesetzten und Kollegen. Ballauf ermittelte weiter, ob bei der „engagierten“ Vernehmung von Beschuldigten oder bei der phantasievollen (Fingerabdrücke einer Noch-Zeugin) bis gewaltsamen (Handy-Kontakte des Verdächtigen) Beweismittelbeschaffung. Die Botschaft schon recht früh im Film: Sich an Recht und Gesetz zu orientieren, ist bei Ermittlungen nur hinderlich, ja geradezu dumm. Normverletzende Aktionen mit emotionaler Beteiligung sind richtig, denn am Ende wird derjenige, der gegen Regeln verstößt, mit Erfolg belohnt. Solange er ein Polizist ist und nicht etwa ein Jugendlicher, wohlgemerkt.

Vor allem aber Juristen sind von Anfang an die Deppen. Aber nicht, weil sie (was durchaus ein Thema wäre) Fehler machen, sondern gerade, weil und wenn sie auf Einhaltung der geltenden Vorschriften bestehen. Eigentlicher Gegner der Polizisten ist der Rechtsstaat: Das Drehbuch propagiert: Je böser die Tat, desto rechtsstaatswidriger dürfen die Ermittlungen sein. Wer auf seinem (Menschen)Recht besteht zu schweigen, um sich nicht selbst zu belasten, ist laut Drehbuch mindestens unsympathisch und hat mit ebenso großer Sicherheit Dreck am Stecken. Wer (als Jugendliche) möchte, dass die Mutter bei der Vernehmung anwesend ist, ist im Grunde allein deshalb hochverdächtig. Unterschiede zwischen Zeugen- und Beschuldigtenvernehmung sind irrelevant, Belehrungen kommen nicht vor, kein Unterschied zwischen Haftbefehl und Verurteilung. Fatale Botschaft: Wer (als Jugendlicher) eines Mordes beschuldigt wird, der sollte sich keinesfalls noch verdächtiger machen, indem er schweigt, die Eltern hinzuzieht oder gar einen Strafverteidiger beauftragt. Der Vater, der sich „als Vater“ nicht bereit erklärt, gegen seinen Sohn auszusagen, bekommt prompt die Quittung, indem er von seinem Sohn zusammengeschlagen wird. In diesem Tatort kamen Strafverteidiger gar nicht vor. Aber dafür können die Strafverteidiger eigentlich dankbar sein, denn wenn sie im „Tatort“ vorkommen, dann üblicherweise als schmierige Rechtsverdreher, direkt aus dem Mafia-Klischee.

Eine junge Richterin, die (ganz zutreffend bei solchen Ermittlungen) auf rechtsstaatlichen Grundsätzen besteht, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Uns Zuschauern, die ja schon wissen, wie böse die Bösen wirklich sind, wird suggeriert, dass Rechtsvorschriften eigentlich nur die Ermittlungen der rechtschaffenen Polizisten (unseren Helden) behindern. Dass es auch darum gehen muss, durch rechtsstaatliche Ermittlungen überhaupt sicherzustellen, dass ein späterer Prozess zu einem gerechten Ergebnis kommt, ge-„schenkt“. Denn eigentlich müssten die Täter sowieso ganz ohne Gerichtsverhandlung für immer eingesperrt werden.

Der kaum versteckte Angriff auf Juristen und korrekt ermittelnde Polizisten mit dem Vorhalt, sie blickten nicht durch, sie seien realitätsfremd, sie seien opferfeindlich und täterfreundlich und sie behinderten die effektive Polizeiarbeit, wird noch übertroffen durch den Angriff auf das Jugendstrafrecht. Hier, im Jugendstrafrecht kulminieren die Vorwürfe gegen das Recht und die Juristen. Ohne Reflektion und offenbar schon im Wissen um das stereotype Vorurteil im Publikum genügt das Stichwort „Jugendstrafrecht“, um die entsprechenden negativen Emotionen abzurufen und festzuklopfen.

Nun wird  man einwenden: Ja, so wird nun einmal gedacht in der Polizei und in der Öffentlichkeit. Oder: Tatort ist nur ein Film, niemand im Publikum nimmt das ernst. Und um spannend zu sein, könne man Ermittlungsarbeit und Strafprozess eben nicht realitätsgerecht abbilden. Aber muss dann gleich so klar Stellung gegen Recht und Gesetz bezogen werden?

Propaganda wirkt subtil – nicht nur in Dokumentarfilmen, sondern auch in Spielfilmen, gerade in den erzählerisch und technisch guten, in denen mit Emotionen vermischt zugleich vermeintlich zutreffende Informationen über die Wirklichkeit polizeilicher und strafprozessualer Ermittlungsarbeit verbreitet werden – vor einem Millionenpublikum. Die zuschauenden Juristen und Polizisten bekommen zugleich die Botschaft vermittelt: Ja, so wird in der Öffentlichkeit über uns gedacht – lass uns also demnächst emotionaler und rechtsfeindlicher ermitteln und entscheiden, dann werden wir auch anerkannt.

Das Ergebnis findet sich dann womöglich demnächst in Ihrer Polizeiwache und in Ihrem Gerichtssaal.

 

Ergänzung: Auf Twitter wurde ich auf diesen Zeit-Artikel von 2012 aufmerksam gemacht.

 

Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlenDruckversion

Hinweise zur bestehenden Moderationspraxis
Kommentar schreiben

46 Kommentare

Ich weiß nicht, ob das eine (bewusste) Propaganda gegen den Rechtsstaat ist. Ich vermute eher, dass Unkenntnis und Unverständnis für gewisse Abläufe dahinter stecken.

@Gast

Ja, wie immer bedarf es einer etwas heiklen Operation, aus dem objektiven auf den subjektiven  Tatbestand (Vorsatz) zu schließen. Mir genügt es auch erst einmal, objektiv eine Propaganda gegen den Rechtsstaat zu bemerken und die dafür sprechenden Umstände aufzuzählen. Andererseits: Normalerweise sind Drehbuchschreiber ja nicht dumm. Und an so einem Tatort arbeitet ja ein ganzes Team von nicht dummen Menschen. Juristen, die man um Rat fragen könnte, gibt es wie Sand am Meer, sogar in Köln. Viele andere Dinge werden ja auch durchaus realistisch dargestellt. Wenn dann (im Schwarz-Weiß-Modus) nur in eine Richtung geschrieben wird, drängt sich bei mir ein gewisser "Verdacht" auf.

Widerrechtliche Ermittlungsmethoden sind dem Zuschauer sympathisch. Das hat man aus den USA übernommen. Bruce Willis ist ja auch nicht so zimperlich, wenn er einen Verdächtigen befragt. Daß es besonders verdächtig ist, wenn gegen alle Vorurteile nichts Verdächtiges zu finden ist, führen uns Staatsanwaltschaften, zumeist mit Rückendeckung der Beschwerdegerichte, von Jahr zu Jahr häufiger vor. Es ist kaum noch einem Ermittlungsrichter oder einer Beschwerdekammer zu vermitteln, daß eine Ermittlungsmaßnahme einen Anfangsverdacht voraussetzt und diesen nicht erst begründen soll. Das kann das BVerfG so oft betonen, wie es möchte, das kommt - trotz § 31 Abs. 1 BVerfGG - unten vielfach nicht an.

 

Insofern war der Tatort eher in dem Punkt falsch, daß eine junge Ermittlungsrichterin die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards anmahnt. Wer so sperrig und naiv ist, "überlebt" die Proberichterzeit nicht. Gerade unter jungen Richtern erlebe ich eine ausgesprochen polizeifreundliche Haltung, obgleich man doch eigentlich beim "Nachwuchs" noch eine gewisse Portion naiven Idealismus erwarten sollte.

 

Das berechtigte Schweigen des Beschuldigten wird selbst in seriösen Medien oftmals als "Aussageverweigerung" diffamiert. In Jugendstrafverfahren werden Eltern und Anwälte sogar von der Justiz oftmals als Störfaktor angesehen.

 

Ein Problem ist ferner das praktisch völlige Fehlen von Beweisverwertungsverboten. Die meisten Beweiserhebungsfehler führen in der Praxis nicht zu Beweisverwertungsverboten und die tatsächlichen Voraussetzungen der absoluten Verwertungsverbote lassen sich zumeist nicht beweisen (z.B. verbotene Vernehmungsmethoden). Im Zweifel glaubt das Gericht dem Polizeibeamten ("Nix gemacht..."). Bei soviel Rückendeckung durch die Strafjustiz werden Regeln zu unverbindlichen Richtlinien.  Auch die Justiz - bis hoch zum BVerfG - nimmt an, daß die Ermittlungsmethoden ohne Konsequenzen für die Beweisverwertung um so rechtswidriger sein dürfen, je schwerer der Tatvorwurf wiegt. Das nennt sich dann Rechtsgüterabwägung und führt im Ergebnis dazu, daß inzwischen selbst bei reinen Vergehenstatbeständen der Schutz des Beschuldigten hinter dem Aufklärungsinteresse zurücktreten muß - mit dem Segen des BVerfG.

"Gerade unter jungen Richtern erlebe ich eine ausgesprochen polizeifreundliche Haltung, obgleich man doch eigentlich beim "Nachwuchs" noch eine gewisse Portion naiven Idealismus erwarten sollte.

Das berechtigte Schweigen des Beschuldigten wird selbst in seriösen Medien oftmals als "Aussageverweigerung" diffamiert.

Da würde ich mich an Ihrer Stelle mal fragen, warum das so ist. Man kann doch der jungen Generation, die mittels Erziehung wie "Man darf nicht lügen." oder Propaganda wie "Du bist Deutschland!" oder Verdummung wie "Der Staat, das sind wir alle." darauf eingenordet wurde, sich selbst nur im und als Kollektiv zu denken, nicht verübeln, wenn sie dem Beschuldigten seine fehlende Mitwirkung als Vereitelung des staatlichen und wegen der gennanten Prämissen eben auch als des vermeintlich eigenen Aufklärungsanspruchs übelnimmt.

Mit ist besonders negativ aufgestoßen, dass die Haftrichterin am Ende meinte, das Mädchen - anders als die beiden Jungs - nicht belangen zu können. Es gebe ja keinen Tatnachweis, das Video endete vor der Schlägerei. Offensichtlich kein Gedanke an Anstiftung ("erst klatschen, dann grabschen"), Mittäterschaft oder ähnliches.

Dadurch wird dann der Eindruck erweckt, mit einem rechtsstaatlichen Verfahren könne man den Tätern nicht beikommen. Der Tatort suggerierte ganz offensichtlich, dass nur ein Video von der Schlägerei selbst einen dringenden Tatverdacht gegen die Jugendlichen begründen kann (das man sich eben notfalls mit unlauteren Mitteln beschaffen muss). Ignoriert wurde dabei etwa, dass bekannt war, dass die Überwachungskameras unmittelbar vor der Tat absichtlich mit Farbe zugesprüht wurden, ein wohl offensichtliches Indiz für eine geplante Handlung. Die Notwehr-Ausrede der Jugendlichen war daher von Anfang an wenig glaubhaft, die Indizien für eine Straftat schon ziemlich erdrückend. Aber der Rechtsstaat ist nach Aussage des Tatorts in solchen Fällen ja machtlos, wenn man dem Tatort glaubt. Da kann man leider nur den Kopf schütteln.

Einen (sehr) kleinen juristischen Lichtblick gab es immerhin: Es wurde (zum ersten Mal in der Tatort-Geschichte?) erläutert, dass man einer Ladung der Polizeit nicht Folge leisten muss, der des Staatsanwalts aber schon.

Das war es dann aber schon. Im Übrigen war der Tatort vor allem klischeebehaftet (das Mädchen war schon als Kleinkind "böse", wie der Vater sagte).

Man kann noch nicht mal behaupten, dass das Ganze ja alles ohnehin nur Fiktion und Unterhaltung sein solle. Im Anschluss wurde der Tatort nämlich als Anlass für eine Diskussion zu realer Jugendgewalt bei Günter Jauch genommen. Offensichtlich wollte das Erste hiermit also doch dem öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag nachkommen. Nur wie...

 

Ich hatte den Tatort nicht gesehen, nur einen Teil der Diskussion danach bei Jauch. Ich stimme aber Prof. Müller grundsätzlich zu. Mir ist sowieso unverständlich, warum die wahren Lebensgeschichten im TV-Krimi kaum beachtet werden und dafür ausgedachter Blödsinn inszeniert wird.

Ist das wirklich der Geschmack und Wille der Konsumenten? Will ich im Morgenradio mit nerviger Werbung beschallt werden? Will ich von Politikern belogen werden? Will ich vom Vertreter oder Vertragsanbieter mit kleinstgedruckten AGB's und versteckten Klauseln um den beworbenen Vorteil gebracht werden?

Aber die Justiz könnte auch Einiges dafür tun, um Regelkonformität dem Bürger schmackhafter zu machen. Zunächst sich selbst im Sinne der Gesetze und der Verfassung an Regeln halten. Daran krankt es schon gewaltig und das trägt zum schlechten Ruf m.E. mehr bei, als solche Spielfilm-Verrenkungen. Viel häufiger als bisher eingestanden, wird aus justizinternen und rechtswidrigen Gründen gegen Verfahrens-, Sach- und Verfassungsrecht verstossen. Nicht selten um versehentliche Fehler durch vertuschen "auszubügeln" und die Rechtsschutzbedürfnisse der davon Betroffenen zu beschneiden. Leider bewegt sich da wenig. Lieber entzieht man sich immer weiter jeder Kontrolle und Selbstkritik. So wird es wohl zum weiteren Verfall der Sitten kommen.

 

Eine sehr berechtigte Kritik - damit sind Sie mir praktisch zuvorgekommen.

 

Zu ergänzen wäre lediglich, dass die vielen "Ungenauigkeiten" im juristischen Kontext zumindest für Juristen erschütternd sind. Warum bedient sich der Tatort nicht - wie viele Zeitungen, Zeitschriften und Autoren - eines juristischen Beraters?

Das ist ein allgemeines, weltweites Problem. Vor vielen, vielen Jahren gabs mal einen Artikel im  law.com (sorry, link habe ich nicht), in dem analysiert wurde dass die Verdächtigen bei der beliebten Serie "law and order" immer schuldig sind, deren Anwälte fast immer schmierige Typen die lediglich versuchen einen offensichtlich Schuldigen vor der gerechten Strafe zu bewahren.

 

Leider wirkt solche Propaganda. Vor einigen Jahren war ich verblüfft, dass G.W. Bush genau das tat, was Jack Bauer noch vorgemacht hatte, und damals klang es noch unrealistisch. Nämlich foltern und morden im "Dienste der Gerechtigkeit".

Mich wundert, dass das manche hier auf Einflüsse aus den USA zurück führen.

Ich kenne natürlich nur eine nicht repräsentative Auswahl an Filmen und Serien, aber hier ist das Verhältnis meines Erachtens genau umgekehrt: Wenn in der amerikanischen Produktion der Ermittler mal "ausrastet", dann weil er tatsächlich der strukturell Schwache ist. Das ist auch unschwer als (dem Helden natürlich verzeihliche, aber immerhin) Verfehlung zu erkennen.

Er stapft vorher nicht schon andauernd durch die Privatwohnungen diverser Verdächtiger, um sich "mal umzusehen", womit der rechtstreue Bürger in deutschen Krimis wie selbstverständlich einverstanden ist.
Wenn er einen Verdächtigen befragt, ist die Chance in einer US-Produktion ungleich höher, dass gleich ein eloquenter Anwalt ins Vernehmungszimmer stürmt und die Ermittler wieder mal dumm aussehen lässt.

Es ist außerdem ein Unterschied, ob die Darstellung rechtsstaatlicher Elemente unterbleibt, weil ein Angriff mit Massenvernichtungswaffen durch realistischerweise bestens ausgerüstete Profi-Terroristen bevorsteht und der Action-Streifen vom spektkulären Einsatz von Kriegswaffen profitieren soll, oder für den Zuschauer ein schlichter Mord aufgeklärt wird.

Tilman schrieb:

Das ist ein allgemeines, weltweites Problem. Vor vielen, vielen Jahren gabs mal einen Artikel im  law.com (sorry, link habe ich nicht), in dem analysiert wurde dass die Verdächtigen bei der beliebten Serie "law and order" immer schuldig sind, deren Anwälte fast immer schmierige Typen die lediglich versuchen einen offensichtlich Schuldigen vor der gerechten Strafe zu bewahren.

Die Serie Law and Order (es gibt mehrere Spin-Offs) soll die Arbeit von Polizei und Justiz von der Tat bis zum Urteil darstellen. Auch in einem Rechtsstaat sind Freisprüche eher selten, weil schon die öffentliche Anklage eine gewisse Qualität haben muss.
Jedenfalls in der "besseren", hierzulande auf RTL ausgestrahlten Ur-Version der Serie sind nicht hinterfragte rechtsstaatswidrige Verfehlungen der Ermittler mit der Lupe zu suchen. Mit der Thematik der in den USA justiziell (!) legalisierten Folter und manch anderen kontroversen Themen findet sogar eine differenzierte Auseinandersetzung in einer Folge statt.

Tilman schrieb:

Leider wirkt solche Propaganda. Vor einigen Jahren war ich verblüfft, dass G.W. Bush genau das tat, was Jack Bauer noch vorgemacht hatte, und damals klang es noch unrealistisch. Nämlich foltern und morden im "Dienste der Gerechtigkeit".

24 hat nichts "vorgemacht", sondern die nahezu kontemporäre Wirklichkeit aufgenommen und überzeichnet dargestellt und damit das, was der Durchschnittsbürger nur abstrahiert und wenig fesselnd aus der Zeitung entnehmen kann, auf gewisse Weise ins Bewusstsein geholt. Dabei kann der Zuseher immer am Vorgehen der Beteiligten zweifeln, gerade weil ihm eine reale Entwicklung plastisch gemacht wird.
Mit Verlaub, wenn Sie rückblickend über die Bezüge verblüfft sind, scheinen Sie das Weltgeschehen ab der Jahrtausendwende (noch) nicht aufmerksam verfolgt zu haben und verwechseln Ursache und Wirkung.

~~Ja, so wird nun einmal gedacht in der Polizei und in der Öffentlichkeit

Sie befürchten stereotypische Vorstellung bei den Zuschauern und schreiben selber diesen entlarvenden Satz? Nicht der Tatort macht die Juristen lächerlich, sondern ihre Kollegin Barbara Salesch usw. Welche hintergründige Botschaft wurde eigentlich durch Liebling Kreuzberg verbreitet?

 

 

Ich habe den Film nicht gesehen, da aber das öffentlich rechtliche Fernsehen nicht erst seit gestern den privaten Anbietern Konkurrenz machen möchte, und das mit wenig von dem vielen Geld, dass es einnimmt, ist es eben so: Fernsehen macht blöd - inzwischen selbst wenn man nicht privat schaut (aber das soll es ja auch). Oder glaubt hier noch ersthaft wer an irgendeinen Bildungsauftrag?

Wenns denn nur dieser eine Tatort wäre...

Aber die absolute Mehrheit us-amerikanischer Krimis / Thriller zeichen ein vergleichbares Bild.

Aber damit hörts leider auch nicht auf. Man schaue sich nur die einschlägigen Sendungen auf den Privaten an (Achtung Kontrolle Top Stories, etc pp.). Seit langem rege ich mich darüber auf, dass diese Sendungen ein Bild vermitteln, das bei den Zuschauern Wirkungen hinterlässt - leider meist ein falsches. Aber wenn man den Leuten nur oft genug sagt / zeigt, dass z.B. jeder Polizist jederzeit deine Wohnung durchsuchen darf, dann fangen die Leute irgendwann an das zu glauben...

Man könnte wirklich glauben, das ganze hat Methode.

@gulliver, Sie schreiben:

~~Ja, so wird nun einmal gedacht in der Polizei und in der Öffentlichkeit

Sie befürchten stereotypische Vorstellung bei den Zuschauern und schreiben selber diesen entlarvenden Satz?

Vor meinem angeblich "entlarvenden Satz" steht doch: "So wird man einwenden:". Natürlich ist das nicht meine Auffassung, sondern die einer vorweggenommenen Gegenkritik.

Nicht der Tatort macht die Juristen lächerlich, sondern ihre Kollegin Barbara Salesch usw.

Frau Salesch ist nicht meine Kollegin. Die Sendung kenne ich nicht gut genug, um Ihren Einwand beurteilen zu können. Ich wüsste auch nicht, warum dies den Tatort vom letzten Sonntag besser macht, wenn Frau Salesch die Juristen (auch) lächerlich macht.

Welche hintergründige Botschaft wurde eigentlich durch Liebling Kreuzberg verbreitet?

Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir!

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

Henning Ernst Müller schrieb:

@gulliver, Sie schreiben:

 

Welche hintergründige Botschaft wurde eigentlich durch Liebling Kreuzberg verbreitet?

 

Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir!

"Mit genügend Wackelpudding kann man jeden Rechtsstreit gewinnen"?

Zitat Herr Prof. Müller:

 

"Eigentlicher Gegner der Polizisten ist der Rechtsstaat: Das Drehbuch propagiert: Je böser die Tat, desto rechtsstaatswidriger dürfen die Ermittlungen sein. Wer auf seinem (Menschen)Recht besteht zu schweigen, um sich nicht selbst zu belasten, ist laut Drehbuch mindestens unsympathisch und hat mit ebenso großer Sicherheit Dreck am Stecken. Wer (als Jugendliche) möchte, dass die Mutter bei der Vernehmung anwesend ist, ist im Grunde allein deshalb hochverdächtig. Unterschiede zwischen Zeugen- und Beschuldigtenvernehmung sind irrelevant,"

 

=> Hier wird tatsächlich subtil Propaganda gemacht, um die Akzeptanz von polizeilichen Übergriffen durch das Volk zu erhöhen. Das sieht der Herr Professor Müller ganz und gar richtig.

Und man sollte nicht unterschätzen, was da insgesamt läuft und wie es insgesamt wirkt:  Die Mehrheit des Volkes gewinnt ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit der deutschen Justiz und Polizei durch Sendungen wie "Tatort",  "Richteruin Barbara Salesch" usw,, ist dann felsenfest überzeugt, in einem überrechtsstaatlichen (gemeint ist: noch rechtsstaatlicher als rechtsstaatlich!) Rechtsstaat zu leben, in dem Polizisten zum Glück auch mal an den Gesetzen vorbei operieren bzw. Gesetze brechen, um zu verhindern, dass eine wahre Katastrophe über uns Volk hereinbricht!

Ich bezeichne das als subtile, aber hoch wirksame Hirnwäsche, die erheblichen Schaden anrichtet, weil sie es verhindert, dass große Teile des Volkes in Wahrheit oft unerträgliche Polizei- und Justizkriminalität überhaupt für möglich halten können. Ich besitze seit mehreren Jahren kein Fernsehgerät mehr, und ich könnte eine Promotionsschrift darüber verfassern, welche Vorteile das für die Denk- und Gefühlsfähigkeit bietet.

 

Sich über mangelnden Realitätsbezug von Drehbüchern aufzuregen, ist fruchtlos. Es glaubt ja auch niemand, dass der Bergdoktor ein zutreffendes Bild der Ärzteschaft widergibt.

Rechtsstaatswidrig hat schon Schimanski in den 80ern "ermittelt".  Kompletter Unsinn über Justiz, Polizei und Anwälte  ist der Normalzustand im Fernsehen (Polizist zu Zeugen/Verdächtigem: "Sie halten sich zu unserer Verfügung/verlassen nicht die Stadt"; Staatsanwalt: Logiert im Luxusbüro und ist karrieregeil, braucht daher immer "Ergebnisse" von der Polizei, als müsse er wiedergewählt werden wie in den USA; Anwalt vertritt sämtliche Beschuldigte, die sich gegenseitig belasten und rennt bei Verhandlungen wie ein Duracellhase im Gerichtssaal herum; Richter hat die Kommentare auf seinem Tisch mit dem Buchrücken zur Kamera....).

Ein genauso unrealistisches Bild von Justiz/Polizei/Anwalt, aber  wenigstens etwas differenzierter zu" Ubahn-Schlägern" und Jugendkriminalität war vor Kurzem in der Reihe "Unter Verdacht" zu sehen.

gaestchen schrieb:

Sich über mangelnden Realitätsbezug von Drehbüchern aufzuregen, ist fruchtlos. Es glaubt ja auch niemand, dass der Bergdoktor ein zutreffendes Bild der Ärzteschaft widergibt.

 

 

Das Schlimme an den Sendungen ist, dass kein Mensch bewusst darüber nachdenkt, sondern dass Inhalte unterschwellig aufgenommen werden.

 

Und Prof. Müller hat zurecht darauf hingewiesen, dass es in den Tatorten gerade die Sympathieträger sind (was ja auch für "Schimanski" galt), die mit dem Rechtsstaat nach belieben Schlitten fahren.  Diese TV-Kommissare sind so typisiert, dass man sie gern als Nachbarn und Freunde haben wollte, dass man mit ihnen gern gemeinsam in den Urlaub fahren wollte. Und die verkaufen uns den po9lizeilichen Rechtsbruch auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit dann als die Spitze menschlicher Vernunft.  Und wenn dann in der zeitung steht: "Polizist schlug gefesselter Frau ins Gesicht!", dann "weiß" Bürgerlein Herbert Meier, dass es berechtigt gewesen sein muss, ihr "eins zu verpassen".

Mein Name schrieb:

gaestchen schrieb:
 Es glaubt ja auch niemand, dass der Bergdoktor ein zutreffendes Bild der Ärzteschaft widergibt.
Sind Sie da sicher? Sie sollten sich vielleicht einmal mit der Rezeptionsforschung zur "Schwarzwaldklinik" und anderen Arztserien beschäftigen - hier z.B.

Gast #17 bringt es auf den Punkt - Propaganda wirkt am besten, wenn sie in Unterhaltung verpackt ist (oder als Wissenschaft verkauft wird - für die "Intellektuellen"). Das haben die Nazis zwar nicht erfunden, aber perfektioniert.

Wirkt wirklich: Der US-Schauspieler Michael Moriarty, der den extrem unsympathischen SS-Verbrecher Erik Dorf in der Serie "Holocaust" gespielt hatte, wurde von einem wutentbrannten Restaurantbesitzer vor die Tür gesetzt, weil jener den Menschen Michael Moriarty mit der fiktiven Figur Erik Dorf gleich setzte. Vermutlich konnte Moriarty noch froh sein, dass er nicht erschossen wurde, was in den U.S.A. ja schnell passieren kann.

Nun wisen wir auch alle, warum Prof. Müller von der "Unjustiz" im Falle Mollath überrascht war: Er hatte zu viel ferngesehen, im war subtil eingehämmert worden, in der deutschen Justiz liefen keine schmutzigen Sachen ab!

 

Nein - das soll kein Scherz sein! Das ist die mutmaßliche Wahrheit!

zunächst haben sie recht, die höfliche Verabschiedung habe ich unterlassen, obwohl ich sie direkt angesprochen habe. Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie trotzdem antworten. Sie mögen es mir vielleicht auch verzeihen, dass für mich Juristen untereinander zunächst Kollegen sind. Für solche Unterscheidungen stehe ich aussen vor, für mich ist auch zunächst der Arzt der Herr Doktor.

verwundert bin ich, dass sie sich von ihren eigenen Worten distanzieren mögen, wo sie doch genau am Ende ihrer Ausführungen einen Ausblick in die Zukunft wagen und eben das prognostizieren.

Sehen sie oder ihre Gesprächspartner eigentlich in jedem Rechtsanwalt einen Robin Hood Typen mit diversen parallel laufenden Liebschaften?

Ich, und alle die ich kenne, nicht, ich habe aber gerne Liebling Kreuzberg geschaut. Aber vielleicht war TV sehen früher nicht subtil genug.

 

diesmal mit eben solchem besten Gruss

gulliver

 

Eine gute Geschichte braucht einen Protagonisten und einen Antagonisten, Gut und Böse. Eine differenzierte Charakterstudie ist nicht notwendig für einen spannenden Krimi. Und auch wenn es der "Tatort" ist: Es ist und bleibt eine erzählte Geschichte und diese werden von Autoren geschrieben, die zumeist juristische Laien sind.

 

Die Macher des Tatort nutzen juristische Beratung. Diese ist aber nur so lange von Interesse, wie sie der Geschichte dienlich ist. Und diese muss den Gesetzen des Krimis genüge tun und nur bedingt bis gar nicht den Gesetzestexten.

 

Insofern kann ich die Aufregung nur in Grenzen verstehen.

 

Als Daschner 2003 dem Verdächtigen Magnus Gäfgen Folter androhen ließ, gab es über die vermeintliche Notwendigkeit dieser Maßnahme eine breit angelegte Debatte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass zumindest unter Rechtswissenschaftlern eine solche Debatte ob der vermeintlichen Ausdikutiertheit nicht stattfinden wird. Doch es fanden sich hie und da von Professoren der Rechtswissenschaft Kurzaufsätze oder Lösungsvorschläge zu an dem Fall angelehnten Klausursachverhalten, die zu dem Ergebnis kamen, dass Daschner legal gehandelt hat.

 

Worüber muss ich mir mehr Gedanken machen: Über einen "Tatort" mit "subtiler Propaganda" oder über lehrende Juristen, die die Androhung von Folter unter Umständen für ein zulässiges Mittel bei der Prävention oder der Ermittlung von Straftaten halten?

Um das nochmal in einem Kommentar auf den Punkt zu bringen:

 

"Das Drehbuch propagiert: Je böser die Tat, desto rechtsstaatswidriger dürfen die Ermittlungen sein. "

Ersetzte Drehbuch mit Rechtsprechung des BGH und BVerfG. :-(

 

Denn auf das Ergebnis / Verwertbarbkeit im Strafprozeß bezogen, ist dies ja leider ständige Rechtsprechung.

 

 

Jetzt mal wieder auf den Teppich kommen. Dass manche Leute Realität und Fernsehen durcheinanderbringen und Schauspieler sogar mit den von ihnen gespielten Figuren identifizieren ist ein alter Hut.  Dass die ARD den Masterplan hat, die Bevölkerung durch einen Tatort, in dem die Kommissar-"Helden" Probleme mit dem Jugendstrafrecht haben, gegen das Jugendstrafrecht aufzubringen, und damit auch Erfolg hat, ist wohl etwas weit hergeholt.

Es ist gefühlt doch in jedem zweiten Fernsehkrimi so, dass Beschuldigte erst einmal von laschen Richtern aus der UHaft entlassen /gar nicht in Haft genommen werden und die Kommissare dann in mühevoller zu 70 Prozent gesetzwidriger Klein- und Grobarbeit den Beschuldigten zur Strecke bringen.
Da hat bislang auch kein Hahn danach gekräht, dass Dinge wie Unschuldsvermutung, StPO, dringender Tatverdacht u.a. nicht ausführlich im Rahmen des öffentlichrechtlichen Bildungsauftrags pädagogisch vermittelt werden.
 

 Bislang ist man bei der Medienwirkungsforschung meines Wissens noch nicht einmal soweit, dass kausale (!) Zusammenhänge zwischen Gewaltneigung/gewalttätigem Verhalten   und Ballerspielen belegbar sind, dass da "subtile" Einflüsse auf die öffentliche Meinung zum Jugendstrafrecht aufgrund einer Tatort-Sendung ausgeübt werden, möchte ich doch mit ??????????????????????????????? versehen.

Wenn man sieht, was seit Jahrzehnten an Selbstjustiz in Fernsehfilmen praktiziert und gutgeheißen wird und man wirklich von einer Beeinflussung ausgeht, müssten wir Mordraten wie in Washington haben. 
 

 

nochsoeingast schrieb:
 Bislang ist man bei der Medienwirkungsforschung meines Wissens noch nicht einmal soweit, dass kausale (!) Zusammenhänge zwischen Gewaltneigung/gewalttätigem Verhalten   und Ballerspielen belegbar sind
Zwischen virtuellen und echten Gewalttaten besteht ein immenser Unterschied, der nicht mit der Beeinflussung einer Meinung verwechselt werden darf.

Hier ein Beispiel, wo jemandem, der von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht, die "Verantwortung" dafür zugeschoben wird, dass wesentliche Fragen unbeantwortet bleiben. Das kehrt die Unschuldsvermutung und andere wesentliche Grundsätze des Rechtsstaats ins Gegenteil und insofern ist es nicht egal, ob ein Krimi vom Privatfernsehen "verbrochen" wird oder vom öffentlich-rechtlichen, das einen Bildungsauftrag hat. Das darf nicht blind die law-and-order-Gelüste der Zuschauer bedienen.

Man stelle sich analog vor, in Fernsehkrimis würde unterschwellig oder ganz offen der Eindruck vermittelt, Frauen seien irgendwie doch selbst schuld, wenn sie vergewaltigt oder verprügelt würden, weil sie aufreizende Kleidung trügen oder ihrem Partner widersprächen.

Der Aufschrei und shitstorm in den Medien wäre ohne Beispiel.

nochsoeingast schrieb:

Jetzt mal wieder auf den Teppich kommen. Dass manche Leute Realität und Fernsehen durcheinanderbringen und Schauspieler sogar mit den von ihnen gespielten Figuren identifizieren ist ein alter Hut.  Dass die ARD den Masterplan hat, die Bevölkerung durch einen Tatort, in dem die Kommissar-"Helden" Probleme mit dem Jugendstrafrecht haben, gegen das Jugendstrafrecht aufzubringen, und damit auch Erfolg hat, ist wohl etwas weit hergeholt.

Was meinen Sie denn, nach welchen Mustern sich Überzeugungen bilden, die von ihren Trägern nicht begründet werden können? Die Gene des Menschen sind noch nicht an ein TV angepasst, das ihm von morgens bis abends Schauspielerei der verschiedensten Arten bietet, sie sind noch an das Erleben authentischen Verhaltens angepasst. Wenn immer wieder und von verschiedenen Seiten gesagt wird: "Partei X ist nicht wählbar!", wie es den Grünen in den 80-gern geschah, später der PDS /Die Linke, dann braucht die Mehrheit des Volkes nichts mehr über die Partei X zu wissen, ist aber dennoch überzeugt, sie sei unwählbar.

So sind viele Menschen davon überzeugt, dass wir einen perfekten Rechtsstaat haben - ohne jemals EInblicke in das tatsächliche Handeln der Justiz gewonnen zu haben. Praktisch jedes Opfer von Willkürjustiz sagt: "Also, mit dem, was ich da erlebt habe, hatte ich im Leben nicht gerechnet, das hatte ich in China oder Russland für möglich gehalten, aber im Leben nicht in Deutschland!"

Wenn man in dieser Sache nachforscht, dann stösst man darauf, dass ein sehr großer Teil des Volkes in Vorstellungswelten lebt, die gezielt unterschwellig eingetrichtert sind, mit der Realität aber nicht viel bis nichts zu tun haben.

Dabei meint doch jeder, er sei immun gegen Werbung, er würde sie durchschauen! Und das ist schon die erste Voraussetzung dafür, der unterschwellligen Werbung zum Opfer zu fallen!

Natürlich glaubt niemand an den meister Proper, auch nicht daran, nach dem Trinken von Rede Bull fliegen zu können. Aber unterschwellig werden ganz andere Botschaften eingebimst: Es sind die trendy Typen, die Red Bull trinken, Typen, die so wirken, wie man selbst wirlken möchte, es ist die attraktive, junge und kluge Hausfrau, die mit Meister Proper putzt, denn sie lebt in einem freistehenden Eigenheim und hat auch noch einen attraktiven und erfolgreichen Mann und tolle KInder - so will doch jede Frau sein! 

 

Jung, attraktiv,wirtschaftlich erfolgreich, konsumfreudig - das wird uns von allen Seiten als das Ideal eingebimst, dem wir gefälligst hinterheraufen sollen. Also: Alles kaufen und alles tun, was uns diesem Ideal irgendwie näherbringen könnte! So will die Wirtschaft uns haben: Malochen bis zum Umkippen und unter allen Bedingungen, und dann unser ganzes Geld für den Konsum verballern.

So läuft der Hase, und zwar mit beträchtlichem Erfolg!

(Marketingexperte)

Zwar stimmt es, dass die Geschichte vom Polizisten, dessen zahlreiche Regelverstöße gerechtfertigt sind, weil nur so die Schurken gefasst / getötet werden können, ein altbekanntes Motiv im Fernsehen ist. Dass der Kommissar hier eigentlich selbst der Kriminelle war, der gerne auch mal nen Verdächtigen in nen Zaun schubste und ihm gewaltsam das Handy wegnahm, aber dennoch vom Film als Held gefeiert wurde, ist grundsätzlich schon dadurch zu erklären, dass in vielen Krimis die Ermittler nun mal per Definition immer die Guten sind und daher jedenfalls in schlechteren Krimis (wie besagtem Tatort) alles, was sie machen, richtig sein muss.  (siehe etwa auch http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/ProtagonistCenteredMorality ).

 

ABER: Im konkreten Fall war die Sachlage doch etwas anderes. Der Tatort war ja offenbar von vorneherein bewusst dazu geschrieben worden, die anschließende Jauch-Debatte über das Jugendstrafrecht anzustoßen - in der dann auch immer wieder Szenen aus dem Tatort als "Beleg" für die realen Probleme eingespielt wurden. Zudem war es eben einer der wenigen Tatorte, der überhaupt mal Richter auftreten ließ und dabei viel Zeit dafür aufwendete, die vermeintliche Rechtslage darzulegen. Und in DIESEM Zusammenhang musste man den "Tatort" tatsächlich als bewusst wahrheitswidrige und äußerst unappetitliche Propagande verstehen.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Müller,

in fachlicher Perspektive kann ich mich als Ihr "Fan" outen, aber hier stimme ich ausnahmsweise nicht zu. Kriminalgeschichten haben - wie Sie ja auch feststellen - keinen dokumentarischen Anspruch. Natürlich ist es nicht richtig, wenn Rechtsstaat und die Einhaltung von Regeln lächerlich gemacht werden. Aber ist das in einer fiktiven Darstellung auch so? Menschen haben - wieso auch immer - Spaß an Geschichten, die deviantes Verhalten zeigen, die sich gegen die vorherrschenden sozialen oder rechtlichen Normen stellen, in denen die Protagonisten tun, was man sich in dieser Situation auch wünschen würde zu tun - tatsächlich aber doch nicht tut.

Wenn man einen Tatort als ernsthafte Verhöhnung des Rechtsstaats betrachtet, ist Monopoly eine Aufforderung zum Raubkapitalismus, ein typisches Video-Auto-Rennspiel eine Anstiftung zur Verkehrsgefährdung und die Bibel ein Vorbild für Inzest, Ritualmorde und Völkermord. Ist es aber nicht - außer bei den wenigen Leuten, die zwischen Fiktion und Realität nicht so recht unterscheiden können, und nur zu deren "Schutz" verbieten wir solche Darstellungen eigentlich nicht.

Beim Tatort ist problematisch, dass er halb "amtlich" daherkommt und häufig durchaus reale Probleme thematisiert, dazu auch ernstgemeinte Appelle enthält. Als solcher Appell war - so hoffe ich - dieser Tatort nicht gemeint. Die überwiegende Mehrheit wird ihn aber auch so verstanden haben, hoffe ich, denn das Klischee des "harten Cops", der den Täter auch gerne mal selbst hinrichtet, ist als Klischee doch sehr verbreitet und scheint mir auch als solches aufgenommen zu werden.

Als fachlich Bewanderter dreht sich da gelegentlich der Magen um - schon zu Beginn des Jurastudiums wurden wir gewarnt, dass man danach keinen Tatort mehr ansehen kann, ohne ständig laut auf StPO-Verstöße hinweisen zu wollen. Aber auch als Luft- und Weltraumtechniker kann man Star Wars sehen und genießen, auch wenn fachlich darin alles völliger Humbug ist. Halten wir's doch auch so.

Mit freundlichen Grüßen,

ein Leser

Sehr geehrter Leser,

Sie schreiben:

Wenn man einen Tatort als ernsthafte Verhöhnung des Rechtsstaats betrachtet, ist Monopoly eine Aufforderung zum Raubkapitalismus, ein typisches Video-Auto-Rennspiel eine Anstiftung zur Verkehrsgefährdung und die Bibel ein Vorbild für Inzest, Ritualmorde und Völkermord.

Ihre Beispiele halte ich (aus verschiedenen Gründen) für unpassend: 1. Ein "Aufforderungscharakter" in dem Sinne, dass sich Geschäftsleute oder Autofahrer in der Realität  so verhalten sollen wie im Monopolyspiel oder im Video-Autorennspiel, ist nicht erkennbar. Werden aber, z.B. wie es in abgewandelten Neonazi-Versionen des Monopolyspiels schon geschieht,  über Monopoly auch rassistische oder antisemitische Botschaften vermittelt, dann ist dies m. E. genauso Propaganda wie ich sie hier anprangere - unter dem Siegel "Spiel und Spaß" werden fragwürdige Botschaften vermittelt. 2. Die Bibel ist in ihrer Entstehungszeit durchaus ein Propagandamittel für die dort positiv berichteten Verhaltensweisen  gewesen. Heute hat sie diese Wirkung verloren, weil die entsprechenden Passagen nichts mehr zu unserer Lebenswirklichkeit sagen und deshalb auch weitgehend ausgeblendet werden. Es gibt aber, wie Sie wissen, bei der Bibel und auch bei anderen religiösen Büchern Fundamentalisten, die solche Passagen propagandistisch einsetzen für ihre ganz eigenen ideologischen Zwecke. 

Ist es aber nicht - außer bei den wenigen Leuten, die zwischen Fiktion und Realität nicht so recht unterscheiden können, und nur zu deren "Schutz" verbieten wir solche Darstellungen eigentlich nicht.

Ich habe meine Einwände doch nicht erhoben, um den Tatort verbieten zu lassen. Ich habe sie erhoben, weil gerade dieser Tatort in den Kritiken sehr gelobt wurde und sogar eine Talkshowrunde sich mit der dort dargestellten Realität ernsthaft befasst hat, ohne das für mich unübersehbare "mitverkaufte"Thema angemessen kritisch zu diskutieren.

Beim Tatort ist problematisch, dass er halb "amtlich" daherkommt und häufig durchaus reale Probleme thematisiert, dazu auch ernstgemeinte Appelle enthält. Als solcher Appell war - so hoffe ich - dieser Tatort nicht gemeint.

Genau so ist es - der Tatort hat damit, dass er bestimmte gesellschaftliche Problematiken aufgreift und unterhaltsam präsentiert, im öffentl.-rechtl. Fernsehen eine prägende Rolle übernommen. Es soll dann schon vermittelt werden: So oder so ähnlich ist es in der deutschen Realität  (sei es häusliche Gewalt, sei es Menschenhandel, sei es Umweltkriminalität, sei es Organisierte Kriminalität etc.) Selbstverständlich war die mit der Story einhergehende Sorge um "böse gewalttätige  Jugendliche, die von den Erwachsenen nicht in den Griff zu bekommen sind", auch als ernster Appell gemeint; nur deshalb hat man sich doch die (realen) U-Bahn-Schläger zum Vorbild genommen. Ich halte es für naiv anzunehmen, dass die anderen Botschaften dann nur dazu da waren, den Spaß zu erhöhen. Ich habe ja schon gesagt, dass es Ihren Einwand geben wird: "Das ist doch nicht ernst gemeint". Ich denke: Ja, die Propaganda gegen den Rechtsstaat ist ernst gemeint. In diesem Tatort steckte die (bewusste) Botschaft der Autoren: der rechtsstaatliche Strafprozess ist nicht in der Lage, mit dem Problem umzugehen, also weg damit!

Die überwiegende Mehrheit wird ihn aber auch so verstanden haben, hoffe ich, denn das Klischee des "harten Cops", der den Täter auch gerne mal selbst hinrichtet, ist als Klischee doch sehr verbreitet und scheint mir auch als solches aufgenommen zu werden.

Ja, das ist sehr verbreitet, aber das ändert für mich nicht viel an meiner Kritik dieses Tatorts, in dem dieser Cop-Typ nicht einmal in Frage gestellt wurde, wie es in vielen anderen realistischen Fernsehserien/Filmen geschieht.

Als fachlich Bewanderter dreht sich da gelegentlich der Magen um - schon zu Beginn des Jurastudiums wurden wir gewarnt, dass man danach keinen Tatort mehr ansehen kann, ohne ständig laut auf StPO-Verstöße hinweisen zu wollen. Aber auch als Luft- und Weltraumtechniker kann man Star Wars sehen und genießen, auch wenn fachlich darin alles völliger Humbug ist. Halten wir's doch auch so.

In den meisten Fällen geht es mir genau so. Es ist meine oben begründete These, dass es diesmal um mehr geht als ein paar ärgerliche Fehler in der Darstellung des Strafprozesses, über die man schmunzelt. Ich halte es für (bewusste) Propaganda.

Science Fiction/Fantasy  ist deshalb nicht vergleichbar, weil es Wesenselement dieser Genres ist, von der Realität abzuweichen. Der Tatort spielt aber hier und jetzt in realen Städten und im hiesigen System.

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

 

Nun, ich denke, wir wissen alle, wie Werbung funktioniert.
Aber dass das ö-r Fernsehen sich nur noch wenig Mühe bei der Herstellung von Filmen gibt, liegt zum einen an der Veränderung des Personals in den Häusern. Dort sind eben nicht mehr, wie noch vor 30 Jahren, fähige Köpfe zu Hause. Politiker, die den Fernsehetat abnicken und eintreiben lassen, sorgen auch dafür, dass allzuviel Intellekt nicht mehr ins Fernsehen gelangt. Und das Fernsehen, mit mehr Geld als je zuvor, nimmt es hin und muss es hinnehmen. Man versucht dort sogar das Beste draus zu machen (MDR verliert mit sudamerikanischen Staatsanleihen, Kika- Mitarbeiter zweigen unbermerkt Millionen ab, Redakteure gründen Firmen um eigene Drehbücher ans Fernsehen zu verkaufen....)
Rundfunk und Fernsehen ist inzwischen zu einer großen ABM verkommen, die ihr Geld sicher hat, egal was produziert und weggesendet wird. Verblödung darf auch billig sein. Von daher ist es albern, dass Herr Müller den Tatort auf Realitätsnähe abklopft.
Tatorte werden produziert, oder müssen produziert werden, weil jeder Sender einmal darf, oder muss. Und wenn kein Drehbuch da ist, wird es schnell geschrieben. Dagegen kann sich niemand wehren. Es müssen sowieso alle zahlen.
Die ÖR senden den ganzen Tag lang Gehirnbeleidigendes, warum also nicht auch am Sonntag abend.

nadius schrieb:
Nun, ich denke, wir wissen alle, wie Werbung funktioniert..... .

 

Nein, das wissen eben nicht alle. Ich weiß es - und würde nie im Leben behaupten, ich könne nicht unterschwellig manipuliert werden! Ich kann es grundsätzlich zwar erkennen, wenn solche Maschen ablaufen - aber sie wirken dennoch (!) grundsätzlich auch bei mir, weil ich mein Unterbewusstsein eben  nicht bewusst regeln kann. Ich kann dann höchstens zum Gegenangriff übergehen und mich Vorstellungen hingeben, die meinem Unterbewusstsein genau das verleiden (schmackhaft machen), was die Werbung ihm zuvor schmackhaft gemacht  (verleidet) hat, oder ich kann den Quellen der Manipulation bestmöglich aus dem Wege gehen.

Was Sie ansonsten sagen, trifft natürlich zu, es geht dem ÖR nicht darum, einem Publikum gerecht zu werden, das an der Gebührenzahlung  ohnehin nicht vorbei kommt, sondern darum, Augen zu verkleistern und sich ansonsten selbst zu bedienen.

Der ÖR blendet viele Themen aus, über die er aufgrund ihrer Wichtikeit informieren müsste - er verletzt den Rundfunkstaatsvertrag im Grunde seit dessen Bestehen so massiv, dass  die Zwangsgebühren keine echte Basis haben. Aber wir lassen ja alles mit uns machen.

Nachtrag: Indem Herr Prof. Müller erkannte, was die im Tatort lief und sich dann darüber ärgerte, schlug er im Kampf um die Hoheit über sein Unterbewusstsein zurück - das meinte ich mich "Zurückschlagen".  Hier waren zwei Bedingungen notwendig:  Herr Prof. Müller musste es erkennen, und außerdem musste es sein Mißfallen auslösen. Nur mit dieser Kombination ist er selbst der ansonsten unausweichlichen Manipulation  an der Stelle entschlüpft.

Sehr geehrte/r Nadius,

Sie schreiben:

Aber dass das ö-r Fernsehen sich nur noch wenig Mühe bei der Herstellung von Filmen gibt, liegt zum einen an der Veränderung des Personals in den Häusern. Dort sind eben nicht mehr, wie noch vor 30 Jahren, fähige Köpfe zu Hause. Politiker, die den Fernsehetat abnicken und eintreiben lassen, sorgen auch dafür, dass allzuviel Intellekt nicht mehr ins Fernsehen gelangt. Und das Fernsehen, mit mehr Geld als je zuvor, nimmt es hin und muss es hinnehmen.

(...)
Rundfunk und Fernsehen ist inzwischen zu einer großen ABM verkommen, die ihr Geld sicher hat, egal was produziert und weggesendet wird. Verblödung darf auch billig sein. Von daher ist es albern, dass Herr Müller den Tatort auf Realitätsnähe abklopft.
Tatorte werden produziert, oder müssen produziert werden, weil jeder Sender einmal darf, oder muss. Und wenn kein Drehbuch da ist, wird es schnell geschrieben.

Auch wenn manches davon zutreffen mag, den Tatort am letzten Sonntag trifft es m.E. nicht. Der war gut gemacht, spannend erzählt, technisch auf höchstem Niveau. Das war nicht mal eben schnell geschrieben und weggefilmt. Meine Kritik: Zehn Millionen Zuschauer werden mit einer propagandistischen Botschaft (Rechtsstaat brauchen wir nicht) gefüttert, während nächste Woche  ein paar hundertausend Zuschauer in z. B. einer Monitor-Doku dann wieder an den Rechtsstaat erinnert werden, wenn sie auf behördliches Fehlverhalten hingewiesen werden. Und Sie haben mich missverstanden: Ich wollte den Tatort nicht auf Realitätsbezug abklopfen, sondern kritisieren,  dass hier eine fragwürdige Botschaft vermittelt wird. 

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

 

Sehr geehrter Prof. Müller,   Zitat: "...."Die Botschaften des Films, "Staat versagt komplett, keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse", seien geeignet, "Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen. Daher ist eine Sendezeit ab 22 Uhr angemessen"....   Die von Ihnen benannte angebliche Botschaft dieses Tatorts "Den Rechtsstaat brauchen wir nicht" habe ich nicht gesehen sondern eine weitgehend realistische und dem Selbstverständnis der heutigen deutschen Polizei und deren Verhalten entsprechende Darstellung: Richter sind hier oft nicht wohlgelitten, als "zu zahm" verschrien, Rechte werden von den Ermittlern missachtet, mit Repressionen gedroht, manipuliert.    Das gefällt Ihnen nicht, mir auch nicht - aber dennoch ist es so. Nach meinem Eindruck kritisieren Sie jedoch weniger die Zustände - die leugnen Sie - sondern deren verstärkende Darstellung durch Medien.    Zum Rechtsstaat gehört es jedoch auch, den Rechtsstaat und Juristen oder Polizisten (auch vereinfachend / pauschalisierend als Gruppe)  kritisieren zu dürfen und es gehört zur Demokratie, sich die Menschen selbst eine Meinung bilden zu lassen (und nicht beliebig Kommentare zu löschen) Nach den Kommentaren hier zu urteilen, besteht keine Gefahr eines "Polizeistaates" sondern im Gegenteil: Missstände werden endlich benannt, der "Erfolg" sicher nicht von Einschaltquoten abhängig.    Was also wollen Sie: das Verbot dieses Tatorts? Als "Propaganda"...?   Bedenklicher (und selbstentlarvender) als dieser Tatort ist diese Posse, mit ähnlichem Dilemma, nur anders ausgedrückt: Der Staat darf nicht lächerlich gemacht werden.....!   Die Süddeutsche Zeitung, siehe auch Zitat oben:

 

 

 

 

 

 

 

 

"Bei der Premiere auf dem Münchner Filmfest hatte der BR-"Polizeiruf" mit Matthias Brandt und Anna Maria Sturm nur mit technischen Problemen zu kämpfen. Nun schlagen Jugendschützer Alarm und wollen den Sendeplatz verschieben - wegen negativer Darstellungen des Staates. Eine Kritik, die wie Zensur wirkt."....

  http://www.sueddeutsche.de/medien/kritik-an-br-polizeiruf-der-hilflose-s...   Dieser Kommentar und die Diskussion hier wird - aufgrund der Löschung von gestrigem Kommentar - auf meinem eigenen Blog aufgegriffen....aus obigen Gründen.    Das Internet ist insoweit eine Fortbildung des Rechtsstaats, weil es Diskussion und freie Meinungsäußerung ermöglicht und Informationsdefizite auflöst, was Fehlverhalten "des Staates" angeht...  

Sehr geehrter Herr Deeg,

Sie schreiben:

Die von Ihnen benannte angebliche Botschaft dieses Tatorts "Den Rechtsstaat brauchen wir nicht" habe ich nicht gesehen sondern eine weitgehend realistische und dem Selbstverständnis der heutigen deutschen Polizei und deren Verhalten entsprechende Darstellung:

Richter sind hier oft nicht wohlgelitten, als "zu zahm" verschrien, Rechte werden von den Ermittlern missachtet, mit Repressionen gedroht, manipuliert.    Das gefällt Ihnen nicht, mir auch nicht - aber dennoch ist es so. Nach meinem Eindruck kritisieren Sie jedoch weniger die Zustände - die leugnen Sie - sondern deren verstärkende Darstellung durch Medien. 

Sie haben offenbar missverstanden, worum es mir geht. Es geht nicht darum, ob hier die Realität korrekt abgebildet wird oder nicht, sondern es geht um die implizite und explizite Stellungnahme des Films dazu. Und diese Stellungnahme/Botschaft war: Es ist richtig, dass Ballauf so ermittelt, es ist richtig, dass hier die Vorschriften missachtet werden, die richterlichen Einwände sind kleinkariert, wenn Polizisten das Recht brechen, ist das OK, solange die rechtsbrechende Jugend damit verfolgt wird, es ist richtig (weil der praktisch einzige Ausweg), dass der Vater seine Tochter umbringt, weil sie nicht sofort verurteilt und eingesperrt wird usw. Ich habe aber hier über den Tatort geschrieben, nicht über die Zustände selbst, über die ich an anderen Stellen geschrieben habe und schreibe.  Es ist nun einmal so, dass nicht in jedem Artikel alle Probleme des Rechtsstaats genannt werden können. Der Vorwurf an mich, weil ich diesmal den Tatort kritisiert habe und nicht die Probleme, mit denen Sie zu kämpfen haben, ist m. E. unberechtigt. Ihre Lesart, ich verleugnete mit meiner Tatort-Kritik  die Zustände in Polizei und Justiz ist geradezu abwegig. Diese Zustände wurden aber im Tatort eben nicht kritisiert, sondern affirmativ behandelt - das ist (deutlicher) Gegenstand meiner Kritik.

Zum Rechtsstaat gehört es jedoch auch, den Rechtsstaat und Juristen oder Polizisten (auch vereinfachend / pauschalisierend als Gruppe)  kritisieren zu dürfen.

Ja, das dürfen Sie auch. Aber genauso wenig, wie man mir gestattet, das Drehbuch des nächsten Tatorts zu redigieren oder ich vor einem Gericht einklagen könnte, bei Jauch auf dem Podium zu sitzen, genauso müssen Sie  der hiesigen Redaktion schon gestatten, dass eine bestimmte Diskussionskultur des Beck-Blogs gewahrt bleibt (dazu gehört u.a.  "On Topic" bleiben und keine pauschalen Abwertungen von Berufsgruppen).

Mit besten Grüßen

Henning Ernst Müller

 

Wenn ich davon ausgehe, dass Sowohl Herr Deeg ("Tatort bildet Realität korrekt ab") als auch Herr Prof. Müller ("Tatort verherrlicht eine Missachtung der Rechtsordnung durch die Polizei"), dann müsste für "Tatorte" doch eigentlichb das gelten, was für Nazi-Propagandafilme gilt:  Vorführung nur im Kontext der Aufklärung, d.h., es müsste jeweils vor einem Tatort ein kurzer Vortrag z.B. des Herrn Prof. Müller eingeblendet werden, in dem darauf hingewiesen wird, dass und warum die dargestellten Gesetzesüberschreitungen durch Polizisten unter gar keinen Umständen hinnehmbar seien und dass wirklich anständige Polizisten so etwas auch niemals tun würden.

Gast schrieb:

Wenn ich davon ausgehe, dass Sowohl Herr Deeg ("Tatort bildet Realität korrekt ab") als auch Herr Prof. Müller ("Tatort verherrlicht eine Missachtung der Rechtsordnung durch die Polizei"), dann müsste für "Tatorte" doch eigentlich das gelten, was für Nazi-Propagandafilme gilt....

 

  Die realistischste Kriminalserie der letzten Jahre ist m.E. ohnehin u.g. "KDD" auch was das (Fehl-)Verhalten "jenseits der StPO" angeht, schlägt das den Tatort aus Köln um Längen.  Hat aber wenig Anklang gefunden beim deutschen "Premium-Konsumenten"....   Das eigentliche Problem beim  "Tatort" ist also die Einschaltquote in Verbindung mit dem eigens von der ARD durch die anschließenden Talks formulierten  "Realitätsanspruch", woraus dann natürlich auch öffentlich- rechtliche Verantwortung erwächst....wegen der wie auch immer gearteten Identifikation?    " "KDD - Kriminaldauerdienst" In der Qualitätsfalle   Die dritte Staffel der Polizeiserie "KDD - Kriminaldauerdienst" wird die letzte sein. Denn trotz überschwänglicher Kritiken war das Zuschauerinteresse gering."....  

....."Die Themen, die hier verhandelt wurden, hatten es in sich: Zwangsehe, Sterbehilfe, Rationalisierungswahn, Alkoholismus, Sex am Arbeitsplatz, Adoption von Flüchtlingskindern, Vergewaltigung, Kindergeldbetrug, Spielsucht - in einer einzigen Folge "KDD" bekam man so viele gesellschaftliche Probleme serviert wie in fünf Jahren "Tatort", wo die heißen Eisen dem Zuschauer in homöopathischen Dosen präsentiert werden - nie mehr als ein Problem pro Sonntag."....

 

http://www.stern.de/kultur/tv/kdd-kriminaldauerdienst-in-der-qualitaetsf...

Sehr geehrter Gast,

Sie schreiben:

dann müsste für "Tatorte" doch eigentlichb das gelten, was für Nazi-Propagandafilme gilt:  Vorführung nur im Kontext der Aufklärung, d.h., es müsste jeweils vor einem Tatort ein kurzer Vortrag z.B. des Herrn Prof. Müller eingeblendet werden, in dem darauf hingewiesen wird, dass und warum die dargestellten Gesetzesüberschreitungen durch Polizisten unter gar keinen Umständen hinnehmbar seien und dass wirklich anständige Polizisten so etwas auch niemals tun würden

Ich habe weder vor den Tatort verbieten zu lassen noch habe ich die Ambition dort einen regelmäßigen Vorab-Kommentar senden zu lassen. Mir würde es schon völlig genügen, wenn das Tatort-Drehbuch nicht auch noch die im Film dargestellte (angebliche oder auch zutreffende traurige) "Realität" positiv darstellen und begrüßen würde.

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

 

Henning Ernst Müller schrieb:

Sehr geehrter Gast,

Sie schreiben:

dann müsste für "Tatorte" doch eigentlichb das gelten, was für Nazi-Propagandafilme gilt:  Vorführung nur im Kontext der Aufklärung, d.h., es müsste jeweils vor einem Tatort ein kurzer Vortrag z.B. des Herrn Prof. Müller eingeblendet werden, in dem darauf hingewiesen wird, dass und warum die dargestellten Gesetzesüberschreitungen durch Polizisten unter gar keinen Umständen hinnehmbar seien und dass wirklich anständige Polizisten so etwas auch niemals tun würden

Ich habe weder vor den Tatort verbieten zu lassen noch habe ich die Ambition dort einen regelmäßigen Vorab-Kommentar senden zu lassen. Mir würde es schon völlig genügen, wenn das Tatort-Drehbuch nicht auch noch die im Film dargestellte (angebliche oder auch zutreffende traurige) "Realität" positiv darstellen und begrüßen würde.

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

 

 

Ja, man könnte zum Beispsiel PolizistINNen einbauen, die gegen solche Sachen vorgehen. Dann könnte man - realitätsgetreu - zeigen, wie schnell die versetzt werden.

Es ist zwar nicht unbedingt das Rechtsgebiet von Herrn Prof. Müller, zu dem mir jetzt etwas einfällt, aber es ist juristisch und zur Thematik passend:

 

Aus den Kommentaren oben ergibt sich, dass es praktisch zum Polizeialltag gehört, gegen die Rechtsordnung zu verstoßen, wobei die "Tatort"-Sendungen belegen, dass dieser Zustand den Programmverantwortlichen bekannt sein dürfte.

So muss man doch meinen, dass der ÖR diese Dinge nicht nur im Unterhaltungsteil aufgreifen dürfte, sondern auch - im Rahmen seiner Informationspflicht - angemessen darüber informieren müsste?  Oder was war noch mal der Grund für die Zwangsgebühren?

Sehr treffend formulierte Bewertung dieses Tatorts. Diese Gedanken sind mir auch durch den Kopf gegangen. Das war keine Alltagsrealität, hier steckt die Absicht dahinter, Stimmung gegen rechtsstaatliche Grundsätze zu erzeugen. Danach noch das Thema bei Jauch und in 3- 4 Wochen eine erste Forderung aus der Politik.

 

Ob man hier von Meinungsmanipulation des zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks reden kann, liegt wohl im Auge des Betrachters. ;-)

Ich habe mir den Tatort noch einmal unter dem hier angesprochenen Gesichtspunkt "Propaganda" angesehen. Ich glaube, nein, ich hoffe, dass die Vorgehensweise und Rechtsansichten von Kommissar Ballauf nicht als Vorbild gemeint waren oder verstanden wurden. So sympathisch und lebensah er dargestellt ist, vielleicht gerade deswegen, sieht man m. E. doch, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hat, Normen überschreitet und damit auch keinen Erfolg hat. Aber als Idenfikationsfigur für den "rechtstreuen" Zuschauer steht aber Kommissar Schenk zur Verfügung, der zu Ruhe, Besonnenheit und Rechtstreue anhält.

Die Ermittlungsrichterin (oder Staatsanwätin? Die Rolle blieb mir etwas unklar.) ist zwar maximal unsympathisch und unfähig dargestellt. Auch das Ergebnis des Ermittlungsverfahrens ist für den Zuschauer sehr unbefriedigend. Eine gewisse Kritik am Rechtssystem mag daher durchaus durchscheinen. Aber eine Verherrlichung von Rechtsbruch und Eigenmacht sehe ich in der Geschichte nicht; vielmehr fand ich sie durchaus ausgewogen. Denn sie zeigt auf, dass die Normenlage häufig nicht erlaubt, was erst einmal nahe liegen würde, und dass das einen Menschen zu Verzweiflung und Rechtsbruch treiben kann - auch dass Rechtsprechung stark von den handelnden Personen abhängt und viel, viel subjektiver und häufig auch ungerechter ist, als sich das vermutlich auch viele Richter eingestehen mögen.

Aber eine Verherrlichung von Rechtsbruch wäre es m. E. eher gewesen, wenn nicht der enttäuschte Vater, sondern Kommissar Ballauf unter Zustimmung der anderen positiv belegten Figuren die Täterin getötet hätte oder ein Richter augenzwinkernd einen gefälschten oder rechtswidrig erlangten Beweis verwertet hätte.

Wenn ich eine Kritik zu üben habe, dann die, dass die Beweiswürdigung durch die Jungjuristin unter dem Niveau dessen blieb, was in der Praxis zu erwarten ist. Eine Anklage wäre nach meinem Eindruck durchaus erhoben worden. Einen Freispruch oder eine Einstellung unter milder Auflage hätte es wohl eher vor Gericht gegeben. Die Praktiker kritisieren doch eher, dass die StA ungeprüft alle Ermittlungsergebnisse der Polizei übernimmt.

"ist zwar maximal unsympathisch und unfähig dargestellt" sollte heißen "ist zwar als maximal unsympathisch und unfähig dargestellt" - unfähig und unsympathisch war die Figur, nicht die Darstellerin.

Dieser Tatort ist ein Indiz unter vielen anderen, das zeigt, dass der Rechtsstaat mit den Wertentscheidungen des Grundgesetzes noch nicht in die Mehrheit der Herzen und Köpfe der Rechtsgemeinschaft Einzug gehalten hat. Das dort formulierte Wahre, Gute und Schöne ist seit 1949 weitgehend Papier geblieben und noch lange nicht gelebte Wirklichkeit.

Besonders der Schauspieler Til Schweiger, der sich übrigens selbst für einen Intellektuellen hält  (geäußert hier: www.youtube.com/watch?v=9dQcqZPHD4s), ist schon einige Male durch Äußerungen in Talkshows aufgefallen, die ihn als Menschen des 19. Jahrhunderts (oder noch früher), aber nicht als informierten Bürger des 21. Jahrshunderts ausweisen.

Er und auch sein Kollege Armin Rodhe hatten keine  Scheu in launiger Talkshowrunde bei Markus Lanz Straftätern eben mal die Bürgerrechte abzuerkennen. Einen Auftritt dieser Art in der ndr Talkshow im Februar 2011 fand ich noch bestürzender, weil die ganze Runde  (incl. Frau Schöneberger und Herrn Meyer-Burghardt) zu seinen grundrechtswidrigen Aussagen ergriffen schwiegen und nicht einmal Wim Wenders, der auch dabei saß, etwas zu kritisieren fand. 

Auch die Mütter und Väter des GG, die dieses Gesetz noch unter dem Eindruck der soeben erlebten Unmenschlichkeit formuliert hatten, Schweiger kennt 'Kinderschänder' ja wohl nur aus den Medien, werden damit  als ‚unerträgliche’  Gutmenschen diffamiert. Natürlich wurden  sie nicht direkt angegriffen, aber mittelbar, weil man diejenigen diffamiert, die sich darum bemühen, die Wertvorstellungen des GG Wirklichkeit werden zu lassen - gegen den Widerstand der ewig Gestrigen, zu denen erstaunlicherweise auch die sich lustig und aufgeschlossen gebende Runde der NDR-Talkshow gehört und die Vielen, die durch Anrufe und Mails ihre Zustimmung zu Schweiger ausgedrückt haben. 

Warum sollen ausgerechnet in den  Tatort-Redaktionen Leute mit mehr Grundrechtsverständnis sitzen?  Dass gerade ein T. Schweiger, ein Lehrerkind  (Vater 'Oberschulllehrer' und Mutter Geschichtslehrerin) solche Anschauungen hat, ist  erstaunlich. Liest man allerdings das Portrait über ihn im SPIEGEL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-88656048.html - "Muschi auf Toast", ahnt man, woran das liegen könnte. T. Schweiger  passt auf jeden Fall gut zu Gerhard Schröder, der – als Bundeskanzler! - mit seiner Forderung "Wegsperren für immer"  sogar als Jurist und Sozialdemokrat bewiesen hat, dass er nicht viel vom Geist  des Grundgesetzes verstanden hat.

Der Tatort Ohnmacht lief gerade erneut und über eine Google und Wikipediasuche ist mir dieses Forum aufgefallen. Ich habe viele, aber nicht alle Kommentare gelesen. Und bin ein wenig angesäuert, daher schreibe ich. Ich verstehe Ihre Kritik, die Darstellung der Abläufe dieses Rechtsstaates und die Wirkung auf viele Zuseher ist aus Sicht eines Juristen wahrscheinlich nicht die Beste. Ich kenne das Grundgesetz und das Jugendstrafrecht ein wenig besser, auch wenn ich kein Jurist bin.

Nicht alle Zuseher nehmen Inhalte eines Krimis so ernst und gedankenlos hin. Neben den Schwächen im Drehbuch (darf nicht ermitteln, macht es dennoch oder macht einen Fehler nach dem anderen...) hat der Tatort vor allem eine große Stärke. Den emotionalen und den juristischen Hintergedanken, die sich bei diesen Fällen bei so vielen Menschen im Weg stehen. Denkt man an die Fälle, in denen Jugendliche andere sinnlos totgeprügelt haben kommt einem automatisch die Wut. Das zeigen die Schauspieler sehr gut und steht in dieser Folge zentral. Die Mittel, die dazu dienten, diese emotionale Seite besser darzustellen waren juristisch gesehen vermutlich nicht ganz korrekt, das wurde ja bereits im ersten Beitrag behandelt.

Dazu kamen in den letzten Jahren im Nachgang medial aufbereitete Gerichtsurteile, in denen sehr öffentlichkeitswirksam die Empörung über zu "milde" Strafen thematisiert wurden. Gerade im Bezug auf das Jugendstrafrecht. Und bitte, liebe Juristen. Gestatten sie uns Normalbürgern, auch einem Herrn Schweiger z.B., eine Meinung zu diesen Dingen. Der Rechtsstaat ist ein hohes Gut. Aber auch wir dürfen über Gesetze und Urteile diskutieren und sie auch kritisieren. Auch ein Jugendstrafrecht kann sich im Laufe der Zeit ändern. Man muss es nicht für gottgegeben hinnehmen. 

Dieser Tatort ist eine Unterhaltungssendung, in der bei dieser Folge vielleicht unabsichtlich oder vielleicht sogar als Stilmittel nicht alles ganz korrekt war. Aber der zentrale Punkt, die Unterhaltung nämlich, war fesselnd. Darauf eine Diskussion über Strafen im Jugendbereich aufzubauen war sicher sinnvoll. Und bitte glauben sie nicht, dass die Bürger dem Rechtsstaat und seinen Organen immer blind vertrauen. Nicht erst mit der Kölngeschichte seit ein paar Tagen oder höchst merkwürdigen Verfahren wie Mollath kann und darf man davon ausgehen, dass sowohl in Politik wie auch in der Juristerei oft genug kritische Fragen angebracht sind. Da muss auch in einem Tatort als Unterhaltungssendung nicht alles sattelfest sein. Das ist es in der Realität auch nicht immer.

Kommentar hinzufügen