Muß das sein? Börsenverein verklagt Universität Würzburg

von Prof. Dr. Thomas Hoeren, veröffentlicht am 04.03.2009Der Börsenverein will die Universität Würzburg verklagen. Diese hatte 500 Lehrbücher, die am häufigsten ausgeliehen werden, den Studierenden digital zugänglich gemacht. Die Universität meinte (unbedarfterweise) , nach § 52b Urheberrechtsgesetz rechtmäßig gehandelt zu haben. Die Vorschrift erlaubt zwar Bibliotheken , Leseterminals einzurichten und darüber Bücher aus dem Bestand  digital zugänglich zu machen, nicht jedoch   die eingestellten Bücher auszudrucken oder elektronisch zu kopieren. Die Universität gab auf eine Abmahnung des Börsenvereins hin eine entsprechende Unterlassungserklärung ab.Der Börsenverein will aber trotzdem gegen die Universität vorgehen, um zu klären, ob die Bibliothek vor einer Digitalisierung eines Buches hätte prüfen müssen, ob der Verlag selbst eine digitale Version anbietet. http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/200... Meine Meinung: Klar war die Universität Würzburg unbedarft und hat den Fehler auch offensichtlich sofort eingesehen. Aber der angekündigte Musterprozeß zeigt, wie sich der Börsenverein im Wissenschaftsbereich die eigenen Autoren und Nutzer vergrault. Der Ton macht die Musik; man muß nicht wild auf alles einschlagen, was sich bewegt. Kein Wunder, dass die Hochschulen zunehmend über Open Access nachdenken und die DFG eine eigene Forschungsstelle zu Rechtsfragen des Open Access finanzieren wird. Und kein Wunder, dass der Börsenverein und seine Adepten - wie die VG Wort - von vielen Wissenschaftsautoren links liegen gelassen werden, wenn es um die Zukunft von orphan works und den Google-Zugriff auf Bücher geht.
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18 Kommentare

Das erinnert mich daran, dass die Uni Bonn mal ärger mit Beck-online hatte. Man konnte auf die online Ressourcen von zu Hause aus zugreifen, indem man sich einfach über den VPN- Client (Uni) einwählte, auch ohne im Uni- Netz zu sein. Das wurde gerügt und geändert.

@Bonner:
Das war nicht nur in Bonn so und bedauere es sehr. Schnell mal zu Hause etwas nachsehen oder das nächtliche Arbeiten, wurde so unnützerweise stark erschwert und diese unnötige Fahrten haben sicherlich auch die Ökobilanz der Uni belastet.

Sehr schade!

Das Problem mit Beck Online gab es an unserer Hochschule auch; Hier sollte der Verlag ein wenig Nachsicht zeigen und in produktive Verhandlungen mit den Unis einsteigen. Warum nicht - für weeeenig Aufpreis - auch den Zugang für Hochschulangehörige von zu hause ermöglichen? Wer einmal zu Hause Blut geleckt hat, wird auch später gerne weiter Beck Online einsetzen. Oder hat der Beck Verlag dies aufgrund seiner Popularität nicht mehr nötig? Das könnte ich natürlich auch verstehen: Warum etwas verschenken, wenn es auch ohne geht.

Gruß
Beck'er

Wenn es um Beck Online geht, sehe ich die Vergleichbarkeit zum vorliegenden Fall nicht bzw. kann Beck verstehen. Die Realität sieht doch so aus: Wenn der Zugang von außerhalb erstmal möglich ist, sind es bei weitem nicht nur Studenten, die davon Gebrauch machen, sondern auch Junganwälte, Referendare etc. Eine Kennung kriegt man doch immer irgendwo her, muss doch mal gesagt werden.

Mein Tipp daher: Lieber bei e-fellows bewerben, da hat man Beck Online und juris Zugänge. ;-)

Der Hinweis auf Beck Online war - glaube ich nicht - nicht als vergleichbarer Fall gemeint, sondern als Hinweis auf die moderate Haltung von Beck im Gegensatz zum Börsenverein. Eine Universität verklagt man nicht - zumindest nicht als Verleger wissenschaftlicher Literatur oder dessen Repräsentant. Der Beck Verlag würde das jedenfalls nie tun, wie der Fall Beck Online zeigt. Dezente Hinweise an eine Universitätsleitung reichen regelmäßig, um urheberrechtliche Probleme aus der Welt zu schaffen. Aber der Börsenverein sieht das offensichtlich anders - und das nicht nur in diesem Fall. Dessen Agressivität erinnert mich leidvoll an das Gebaren des Bundesverbandes Musik ....

Herr Prof. Hoeren, so gesehen ergibt der Verweis auf Beck natürlich Sinn!
Als Interessenverband der Verlage eine Uni zu verklagen ist in etwa so, als wenn ..... nein, mir fällt kein Vergleich ein, der die Absurdität angemessen widerspiegeln würde. :-)

das klingt ja nun eher so, als sei man sich in der Sache einig. Wer klagt denn nun gegen wen? Uni/Börsenverein vs. Beck-Verlag?

Also tatsächlich Uni vs. Beck. (Vielleicht sollte man die Überschrift ändern?)
Sehr skurril, die Verantwortlichen bei Beck werden sich für den Support der Uni durch IHREN Interessenverband bedanken...

Man kann dem Börsenverein möglicherweise vorwerfen, dass er hier zu hart gehandelt hat; Primär sehe ich aber den Gesetzgeber in der Pflicht. Dieser ist für solche Zustände verantwortlich, weil er im UrhG keine vernünftigen und realitätsnahen Regelungen für Bibliotheken schafft. Der § 52b UrhG ist - und das ist noch schmeichelhaft ausgedrückt - etwas missraten.
Ohnehin könnte man den Eindruck haben, dass Politiker des öfteren sowohl an der Technik als auch an der Realität vorbeileben.

Was heißt hier vorbeileben? Man hat versucht beiden Seiten einen Kompromiss in § 52b zu bieten. Dass solche Kompromisse meist nicht sonderlich elegant und praxisnah sind, liegt in der Sache. Genauso wie die fehlende Bereitschaft des Gesetzgebers sich klar zu positionieren, etwa für die Informationsfreiheit.

@Pflichtfeld: Ein Kompromiss, der die technischen Gegebenheiten und die Machbarkeit komplett ignoriert und damit eine Seite nicht berücksichtigt, ist kein Kompromiss. Die Regelung ist in der Form für die Tonne. Entweder man schafft sie komplett ab (wenn sie schon ohnehin nicht realisierbar ist) oder man gestaltet sie vernünftig. So stiftet der Paragraf unnötig Verwirrung.

Hier werden - unter kräftiger Mitwirkung von Herrn Hoeren - ja wohl ordentlich Nebelkerzen geworfen. Der Beck-Verlag würde angeblich nieee eine Uni verklagen, schiebt dann aber den Börsenverein vor, der genau dies tut (wegen desselben Sachverhalts). Honi soit ...

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