Langfristige Kriminalitätsentwicklung - seit 20 Jahren immer weniger Straftaten in Deutschland

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 10.10.2014

Schon im April hat der Hamburger Kriminologe Birger Antholz eine Untersuchung der Kriminalitätsentwicklung in Deutschland von 1835/82 bis 2014 im Hell- und Dunkelfeld vorgelegt (in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 97 (2014), S.115 ff.).

Darin zeigt er anhand von Hellfelddaten, dass seit mehr als 150 Jahren jährlich unter 1 % der Bevölkerung strafrechtlich verurteilt werden. Diese Werte sind beinahe konstant (abgesehen von Besonderheiten wie Krieg und nur auf Delikte außerhalb des Straßenverkehrs bezogen).

Ganz anders haben sich die polizeilichen Hellfelddaten entwickelt. Die Tatverdächtigenzahl (ermittelte Tatverdächtige je 100.000 Einwohner) ist seit Mitte der 1930er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre fast kontinuierlich, zwischen 1960 und 1980 sehr stark, angestiegen. 1993 war diese Zahl fast 12mal so hoch wie die der Verurteilten im selben Jahr, es wurden 8337 je 100.000 Einwohner einer Straftat polizeilich verdächtigt, aber nur 700 je 100.000 Einwohner wurden im selben Jahr verurteilt. Die fast konstant gebliebene Verurteilungszahl bei ansteigenden Tatverdächtigenzahlen zeigt wohl, dass die Strafverfolgung ihre Kapazitätsgrenze erreicht hat. Die Rechtspflege reagiert auf die ansteigenden Verdächtigtenzahlen v.a. mit einer höheren Quote von Verfahrenseinstellungen (§§ 153 ff. StPO, §§ 45, 47 JGG).

Seit 1993, dem Höhepunkt der Fallzahlen und Tatverdächtigenzahlen im polizeilichen Hellfeld, weisen die Statistiken rückläufige Tendenz auf. Dass der Rückgang um 12 % in der Polizeistatistik einer tatsächlichen Tendenz zu weniger Straftaten entspricht, zeigen Dunkelfelddaten der letzten 20 Jahre, insbesondere langjährig gleichartig durchgeführte Opfer- und Täterbefragungen, die Antholz zitiert (S. 122 ff.): Auch im Dunkelfeld markiert das Jahr 1993 einen Höhepunkt der Gesamt-Kriminalitätsbelastung. Seither sind die Dunkelfeldzahlen noch weitaus stärker rückläufig als die polizeiliche Hellfeldstatistik ausweist: In den vergangenen 20 Jahren sollen danach die Straftatenbegehungen um über 40 % zurückgegangen sein.

Antholz konstatiert jedoch in seinem Fazit, „dass der starke Kriminalitätsrückgang sich in den letzten Jahren etwas abflacht, was auf einen degressiven Verlauf hindeutet“ (S. 128).

Dieser Überblick bezieht sich auf das Gesamtbild der Kriminalität, das nach wie vor von Diebstählen und anderen Vermögensdelikten dominiert wird. Schwere Delikte, insbesondere Gewaltdelikte, stellen zahlenmäßig nur einen geringen Anteil der Gesamtkriminalität, sind aber qualitativ für die Kriminalitätslage wesentlich wichtiger. Ihre Entwicklung könnte, ohne dass das Gesamtbild davon berührt wäre, anders verlaufen sein, da diesbezüglich Dunkelfelddaten unzuverlässig sind.  Immerhin gibt es wichtige Anzeichen für eine rückläufige Tendenz auch der Jugendgewaltdelinquenz (siehe schon meinen Beitrag aus dem Jahr 2010). Die Raufunfallstatistik der Unfallversicherer z.B. zeigt, dass sowohl Häufigkeit als auch Schwere der Gewalt an Schulen seit ca. 20 Jahren abnimmt. Dass Jugendliche, wie einige meinen, „immer brutaler“ zuschlagen sollen, ist eine Aussage, die den objektiven Daten nicht entspricht.

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12 Kommentare

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Einerseits werden die Menschen hierzulande zwar zunehmend egoistischer und skrupelloser, was eine abstrakte Tatgeneigtheit sicherlich erhöht, andererseits werden die Menschen hierzulande aber langsam aber sicher und damit stetig gebildeter und klüger und cleverer und smarter, und sind sich der Folgen einer Straftat und der für sie negativen Konsequenzen einer Straftat bewußter als früher, und halten sich aus Opportunismus zurück.

Das kann im Ergebnis die Anzahl der Straftaten sinken lassen.

Da Alkohol die Hemmschmelle für Straftaten senkt, jedoch der Alkoholkonsum rückläufig ist, könnte auch darin eine Mitursache liegen.

Desweiteren werden Straftaten überproportinal häufig von unbesonnenen 16 bis 26-jährigen Jugendlichen und jungen Männern begangen - aufgrund des Pillenknicks ist die Anzahl dieses Personenkreis jedoch geschrumpft.

  

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Sehr geehrter Statistik-Grübler,

vielen dank für Ihre Diskussionsanregungen.

Beim Rücklauf des Alkoholkonsums müsste dann noch die Verteilung auf die Trinkenden als Variable berücksichtigt werden - vielleicht haben ja nur die damit aufgehört bzw. trinken  weniger, die ohnehin im Hinblick auf kriminalität weniger gefährdet sind/waren.

Im Hinblick auf den demographischen Effekt haben Sie natürlich Recht: Je älter die Bevölkerung insgesamt wird, desto eher tendieren die Gesamtzahlen nach unten, da Straftaten überwiegend von jungen Leuten begangen werden. Zur Kontrolle schauen wir deshalb noch auf eine weitere Veröffentlichung von Birger Antholz, die die Heranwachsendenkriminalität (in Hell- und Dunkelfeld) zum Gegenstand hat (in: ZJJ 25 (2014), S. 230 ff.). Daran zeigt sich, dass auch innerhalb dieser Altersgruppe ein ähnlicher Knick auftritt, d.h. auch unabhängig vom geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung hat die Straftatenbegehungshäufigkeit seit Mitte der 1990er Jahre abgenommen.  

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

 

 

"...da Straftaten überwiegend von jungen Leuten begangen werden."

Bestimmte Straftaten werden überwiegend von jungen Leuten begangen. Diese jungen Leute werden dann auch recht zuverlässig kriminalisiert.

Andere Straftaten sind eher bei älteren Semestern anzutreffen. Diese Straftaten sind für die Justiz dann häufig zu komplex (man denke an Wirtschaftsverfahren) und/oder die Beteiligten nutzen geschickt Gesetzeslücken bzw. bewegen sich im Graufeld (man denke an korrupte Ärzte) und werden von Gerichten dann letztendlich gar nicht als Straftäter verurteilt, was immer mal wieder zu Unbehagen führt. 

Nicht zu vergessen die Möglichkeit, sich freizukaufen. Wer es sich leisten kann...

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Die Diskrepanz zwischen Tatverdächtigenziffer und Verurteilungsquote ist m.E. in erheblichem Maße auf die Manipulation der PKS durch die Polizei zurückzuführen.
Dazu muss man verstehen, dass die Verfahrenszahl für die Personalausstattung der Dienststellen und die berüchtigte Aufklärungsquote relevant ist. Aus 25 durch die gleiche Person am gleichen Tag am Bahnhof beschädigten Fahrrädern werden dann 25 einzelne (aufgeklärte!) Verfahren. Da steht die Dienststelle gleich viel besser da: Arbeitsbelastung und Aufklärungsquote steigen, ohne das etwas passiert wäre. Diese Praxis ist nach meiner Erfahrung eher die Regel als die Ausnahme.
Wenn die Verfahren dann aber wieder verbunden werden (bei der StA oder bei Gericht), verschwinden eben 24 Verfahren. Ohne dass etwas passiert wäre.
Die Daten der PKS sind daher m.E. für statistische Zwecke schlicht unbrauchbar.

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Sehr geehrter Ex-StA,

vielen Dank für Ihren Beitrag. Es gibt zwar mögliche Manipulationen, insb. hinsichtlich der Anzahl der registrierten Taten, aber seit 1984 ("echte" TV-Zählung) wird jeder Tatverdächtige nur einmal (pro Bundesland) gezählt, unabhängig von der Anzahl seiner Taten. Da die obigen Angaben auf Tatverdächtigenzahlen beruhen, kann die entsprechende Diskrepanz nicht so erklärt werden, wie Sie meinen. 

Dass die PKS für einige der Aussagen, für die man sie gern in Anspruch nimmt, (nahezu) unbrauchbar ist, habe ich hier und andernorts schon mehrfach ausgeführt.

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

Aus meiner Sicht wäre es auch interessant zu wissen ob die Jugendkriminalität bezogen auf die Gesamtzahl der Jugendlichen, in diesem Fall der 16-26 Jährigen, gesunken ist. Ich würde hier schon erwarten, dass sie zumindest konstant geblieben ist.

Ansonsten ist es eben doch eher eine "gefühlte" Statistik. Zum einen für den Bürger, der von immer mehr und brutaleren Verbrechen aus Deutschland und der Welt erfährt als wäre es vor seiner Haustür aber auch eine Statistik die ben von TV ausgeht, die die Polizei erst ermitteln muss. Wird ein TV ermittelt, dann gibt es auch keinen.

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Sehr geehrter Gary,

selbstverständlich begehen auch ältere Personen Straftaten. Ob diese in der Zahl gestiegen sind, lässt sich schlecht sagen. Jedenfalls ist gegenüber früheren Jahrzehnten die Aufmerksamkeit (und auch die Verurteilungswilligkeit) der Justiz gegenüber Wirtschaftsstraftaten stark gestiegen. Solche Delinquenz (Korruption, Steuerstraftaten, Untreue, Betrug) war in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik sicherlich auch in größerem Umfang vorhanden, wird aber erst in den letzten zwei Jahrzehnten vergleichsweise konsequent(er) verfolgt. Ein großes Dunkelfeld verbleibt natürlich auch hier, aber ob es über die Jahre größer oder kleiner geworden ist, ist kaum seriös ermittelbar. Der Effekt, den Sie zu Recht bedaueren, dass nämlich Wohlhabende bessere Chancen haben, wegen ihrer Delikte davonzukommen, existiert natürlich, aber nach meiner Beobachtung ist dieser Effekt statistisch eher im Abklingen begriffen. Aus spektakulären Einzelfällen (Ecclestone) sollte man hier nicht auf das Gesamtfeld schließen.

 

Sehr geehrte Susi64,

in einem Kommentar oben hatte ich schon dazu Stellung genommen, hier nochmal die Wiederholung:

Zur Kontrolle schauen wir deshalb noch auf eine weitere Veröffentlichung von Birger Antholz, die die Heranwachsendenkriminalität (in Hell- und Dunkelfeld) zum Gegenstand hat (in: ZJJ 25 (2014), S. 230 ff.). Daran zeigt sich, dass auch innerhalb dieser Altersgruppe ein ähnlicher Knick auftritt, d.h. auch unabhängig vom geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung hat die Straftatenbegehungshäufigkeit seit Mitte der 1990er Jahre abgenommen. 

Das gilt übrigens auch für die Jugendkriminalität, insb. Jugendgewaltdelinquenz. Sie hat in den vergangenen 20 Jahren ebenfalls abgenommen.

 

Mit besten Grüßen

Henning Ernst Müller

 

 

Prof Dr. Jehle hat in seiner Publikaktion "Selektion in europäischen Kriminaljustizsystemen am Beispiel der Sexualdelikte ( erschienen in Kriminologie,Strafrecht Festschrift für Hans -Jürgen Kerner zum 70. Geburtstag, hrsg. von Boers, Klaus et. al Tübingen 2013 S 711 ff ) aufgezeigt, dass es in allen Kriminaljustizsystenen einen Verlust an Fällen von der polizeilichen Erfassung bis zur Verurteilung gibt. Dies gilt für alle Deliktsformen . Da die Selektionsprozesse in Frankreich , Deutschland oder England unterschiedlich ablaufen , unterscheiden sich die Verurteilungsquoten in den obigen Ländern.

Da die Begrenzung des Forschungsetats des Bundesministeriums keine  Forschung zuläßt, um zu analysieren woher die sehr unterschiedlichen Verurteilungsquoten kommen, bleibt Vieles im Dunkeln.

 

Ist Vergewaltigung in Deutschland quasi straffrei ?

http://www.radiobremen.de/politik/themen/vergewaltigungbremen102.html

 

 

 

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Übrigens korreliert die Abnahme der Fallzahlen seit 1993 bemerkenswert mit der Legalisierung bzw. Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs seit 1974 bzw. 1976 - ein starkes Indiz dafür, dass Levitts Hypothese auch für Deutschland gilt: ungewollte Kinder werden häufiger straffällig und werden diese gar nicht erst geboren, sinkt die Kriminalitätsrate (siehe vor allem die Ergebnisse von Antholz).

@techniknoergler,

war vielleicht nicht ganz verständlich ausgedrückt. Gemeint ist, dass die Statistik sich nur auf Delikte außerhalb des Straßenverkehrs bezieht. Würde man Straßenverkehrsstraftaten mitzählen, käme man natürlich bei einer Zeitspanne von 150 Jahren allein wegen der Entwicklung des Straßenverkehrs zu einer Verzerrung.

Besten Gruß

Henning Ernst Müller

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