Hirndoping auf dem Vormarsch?!Inhalt abgleichen

Experte: Jörn Patzak

Oberstaatsanwalt

25.08.2012

Doping im Sport, also körperliche Leistungssteigerung durch die Einnahme von leistungsfördernden Mitteln, ist schon lange bekannt. Nunmehr hört man immer häufiger den Begriff Hirndoping (auch Neuro-Enhancement genannt). Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) definiert Hirndoping auf ihrer Homepage wie folgt (s. hier):

Hirndoping ...

ist der Versuch, durch chemische Substanzen die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu steigern. Medikamente, die ursprünglich zur Anwendung bei erkrankten Patientinnen und Patienten entwickelt und zugelassen wurden, werden dabei von Gesunden konsumiert.

Am 21.08.2012 erschien in der FAZ ein Artikel mit dem Titel „Kinder-Koks-Dealer“, der das Phänomen Hirndoping eindrucksvoll beschreibt (s. hier). Es geht um die Karriere von Paul, der zunächst als 14-jähriger ein Methylphenidat-haltiges Arzneimittel zur Behandlung seiner vermeintlichen Hyperaktivität verschrieben bekam und sich in den Folgejahren zu einem Dealer mit solchen Arzneimitteln entwickelte.

Methylphenidat ist ein Amphetamin- und Kokain-ähnlicher Wirkstoff, der in den Arzneimitteln Ritalin, Concerta, Equasym und Medikinet enthalten ist. Die Arzneimittel werden Kindern (und mittlerweile auch Erwachsenen) mit ADHS verschrieben, bei denen es nicht aufputschend, sondern beruhigend wirkt. Methylphenidat unterliegt als verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel der Anl. III zum BtMG, es bedarf also der Verschreibung mit einem speziellen Betäubungsmittelrezept (s. hierzu auch meinen Blog-Beitrag vom 21.10.2011).

Paul beschreibt, dass er am Anfang das ihm verschriebene Medikament ordnungsgemäß geschluckt habe. Mit der Zeit habe er aber festgestellt, dass das Medikament beim nasalen Konsum in zerriebenen Zustand deutlich stärker wirke, mit einem  „Bumm“-Effekt. Er habe sich frisch, cool und total fokussiert gefühlt. Da eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit und Wachheit durch den Konsum von Methylphenidat-haltigen Arzneimitteln auch bei (gesunden) Schülern und Studenten zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit beliebt gewesen sei, habe er schnell in seinem Internat und im Umfeld einen beträchtlichen Kundenstamm aufbauen können, dem er einen Teils der ihm verschriebenen Kapseln habe weiterverkaufen können. Schluss mit dem Dealen sei erst gewesen, als er wegen Cannabisbesitzes aus dem Internat geflogen sei.

Ist der Bericht von Paul ein aufgebauschter Einzelfall?  Wohl nicht, mehren sich doch tatsächlich Hinweise auf einen zunehmenden Konsum von Methylphenidat und anderen Mitteln zur Erhöhung der geistigen Leistungsfähigkeit:

Nach einer Studie von Prof. Dr. Lieb und Dr. Dr. Franke von der Uniklinik Mainz im Jahr 2010 hatten 4% der 1.035 mittels eines Fragebogens befragten Schüler in Gymnasien und Berufsschulen und der 512 Studierenden der Uni Mainz angegeben, mindestens einmal versucht zu haben, ihre Konzentrationsfähigkeit und Wachheit mit Hilfe von Psychostimulanzien (u.a. Methyphenidat und Amphetamin) zu steigern (Quelle).

Das HIS-Institut für Hochschulforschung hat im Auftrag des BMG von Dezember 2010 bis Januar 2011 eine Online-Befragung bei Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen durchgeführt. Von den ca. 8.000 Studierenden, die verwertbare Angaben gemacht haben, hätten 17% seit Beginn ihres Studiums eine oder mehrere Substanzen eingenommen, um die Studienanforderungen besser bewältigen zu können.  5% betreiben nach der Studie pharmakologisches Hirndoping durch Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Psychostimulanzien oder Aufputschmittel, wovon 18% zu Methylphenidat-haltigen Substanzen greifen (Quelle).

Der Artikel in der FAZ beschreibt also offensichtlich nicht nur einen Einzelfall, sondern ein schon weit verbreitetes und wohl noch zunehmendes Phänomen.

 

Siehe auch:


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Kommentare:
justus jonas

26.08.2012

Fragen:

a) Ist das wie im Sport unlauterer Wettbewerb?

b) Ich habe mit legalen Alternativen (Brain Effect / VitaGerin) auch schon sehr gute Erfahrungen gemacht. Sollte man also brainenhancement im Sinne der Wissenschaft vielleicht sogar eher fördern als verdammen?

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Jörn Patzak

Oberstaatsanwalt

26.08.2012

Dopingvergehen im Sport wurden meines Wissens bislang als Betrug zu Lasten des Arbeitgebers gewertet.

Bei Hirndoping zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit in Schule und Uni dürfte ein Betrug jedenfalls schon mangels eines Vermögensschadens ausscheiden.

In Betracht käme wohl nur eine Strafbarkeit nach dem BtMG, wenn eine als Betäubungsmittel eingestufte Substanz (z.B. Methylphenidat) unerlaubt erworben wird.

Bayern hat im Jahr 2009 ein Bundes-Sportschutzgesetz zur Bekämpfung von Doping eingebracht, das allerdings nur die Leistungssteigerung im Sport betreffen soll (s. dazu Volkmer in Körner/Patzak/Volkmer, BtMG, 7. Auflage, Vorbem. zum AMG, Rn. 300 ff.).

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justus jonas

26.08.2012

Schön, aber könnte man nicht eine Feststellungsklage, gestützt auf Art. 3 GG anstreben, dass das Ungleichbehandlung ist? Insbesondere, wenn man es erlauben würde, aber nur für sehr wenige Studenten erschwinglich...

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Mein Name

26.08.2012

Es kommt ja nicht nur auf die strafrechtliche, sondern auch auf die ethische und wettbewerbsrechtliche Dimension an: auch beim Abschreiben in der Prüfung entsteht kein Vermögensschaden, sanktioniert ist es als Täuschungsversuch trotzdem.

Wer wagt einen Tipp, wann die erste Uni oder Schule Urinproben von jedem Prüfling nach einem wichtigen Test verlangt?

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I.S.

27.08.2012

Zu meiner Zeit haben wir noch Traubenzucker genommen und fest dran geglaubt, dass es hilft. ;)

Auf Seiten von Ernährungswissenschaftlern ist man ja eher skeptisch, was den Nutzen von Traubenzucker angeht. Und das ist dann auch das Problem mit den legalen Alternativen:

Was bringen sie wirklich und welche Schäden können sie möglicherweise langfristig verursachen?

 

"Zu teuer" ist kein Grund für eine Klage nach Artikel 3, wenn jeder die gleichen rechtlichen Zugangsmöglichkeiten hat.

 

Beim Abschreiben entsteht zwar auch kein Vermögensschaden. Aber man gibt eine fremde (Denk-)Leistung als eigene aus, während man beim Aufputschen immer noch die Leistung selber erbringen muss.

Hirndoping mag die Leistung des Gehirns verbessern, man muss es aber immer noch mit den nötigen Informationen füttern. Beim Guttenbergen reicht es, wenn der Nachbar diese Informationen hat (und leserlich genug schreibt).

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Meister_Lampe

03.09.2012

Wer regelmäßig die Nachrichten im Zusammenhang mit Drogen/Doping/ADHS verfolgt weiß, dass diese Neuigkeit in Wahrheit ein alter Hut ist.

So schrieb die Welt bereits am 05.01.2009 : "... Jüngst regten sie im Fachblatt "Nature" dazu an, medikamentöses Hirndoping als seriöses Mittel anzuerkennen und entsprechende Tabletten für jedermann frei zugänglich zu machen. Denn die Studenten schluckten Mittel wie Methylphenidat und Amphetamine schließlich nicht, um "high" zu werden, sondern nur, um bessere Noten zu erzielen und um ihre Lernkapazität zu erhöhen. Der Griff zur Tablette für bessere Bildung dürfe nicht länger kriminalisiert werden. Immerhin schluckten zwischen sieben und 25 Prozent der amerikanischen Studenten verschreibungspflichtige Stimulanzien wie Methylphenidat, Amphetamine oder Modafinil ..."

Wir leben in einer "Leistungsgesellschaft" und es wird immer mehr "Leistung" erwartet und gefordert. Von Allen, egal ob in Wirtschaft oder im Sport. Ja sogar in der Politik, denn irgendwer muß schließlich für die Kokainspuren auf 22 Abgeordneten-Toiletten (nicht Besucher-Toiletten(!)) verantwortlich gewesen sein, die man 2000 im deutschen Bundestag gefunden hat. Der Satz "Kokain kommt nicht irgendwie irgendwohin."ging durch die Presse.

Und wer sich die Angebote in den Apotheken anschaut, als Nahrungsergänzungsmittel deklariert und als Medikament beworben, der kann nur erahnen wie tief der Wunsch nach mehr Leistungsfähigkeit in der Gesellschaft verankert ist. Ein ganzer Industriezweig haut sich damit die Taschen voll mit Geld.

 

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Meister_Lampe

03.09.2012

Wer regelmäßig die Nachrichten im Zusammenhang mit Drogen/Doping/ADHS verfolgt weiß, dass diese Neuigkeit in Wahrheit ein alter Hut ist.

So schrieb die Welt bereits am 05.01.2009 : "... Jüngst regten sie im Fachblatt "Nature" dazu an, medikamentöses Hirndoping als seriöses Mittel anzuerkennen und entsprechende Tabletten für jedermann frei zugänglich zu machen. Denn die Studenten schluckten Mittel wie Methylphenidat und Amphetamine schließlich nicht, um "high" zu werden, sondern nur, um bessere Noten zu erzielen und um ihre Lernkapazität zu erhöhen. Der Griff zur Tablette für bessere Bildung dürfe nicht länger kriminalisiert werden. Immerhin schluckten zwischen sieben und 25 Prozent der amerikanischen Studenten verschreibungspflichtige Stimulanzien wie Methylphenidat, Amphetamine oder Modafinil ..."

Wir leben in einer "Leistungsgesellschaft" und es wird immer mehr "Leistung" erwartet und gefordert. Von Allen, egal ob in Wirtschaft oder im Sport. Ja sogar in der Politik, denn irgendwer muss schließlich für die Kokainspuren auf 22 Abgeordneten-Toiletten (nicht Besucher-Toiletten) verantwortlich gewesen sein, die man 2000 im deutschen Bundestag gefunden hat. Der Satz "Kokain kommt nicht irgendwie irgendwohin."ging durch die Presse.

Und wer sich die Angebote in den Apotheken anschaut, als Nahrungsergänzungsmittel deklariert und als quasi Medikament beworben, der kann nur erahnen wie tief der Wunsch nach mehr Leistungsfähigkeit in der Gesellschaft verankert ist, der damit befriedigt werden soll. Ein ganzer Industriezweig haut sich damit die Taschen voll mit Geld.

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