Ethik, Ökonomie, Strafrecht - Bemerkungen zum Fall Middelhoff

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 22.01.2011

"Das in Deutschland einzigartige Symposium für Philosophie und Ökonomie", angesiedelt an der Uni Bayreuth, verleiht jährlich einen "Vorbildpreis". Was es damit auf sich hat, lässt sich hier nachlesen, Auszüge:


"Philosophen und Ökonomen haben sich seit jeher für eine Zusammenführung von Ethik und Ökonomie ausgesprochen. Die Management-Wissenschaften bestärken den wertvollen Dienst von beispielhaften Führungskräften (...) Vorbilder begeistern und ermöglichen die Entfaltung des Einzelnen. Sie wertschätzen ihre legitimen Anspruchsgruppen, sie stellen sich in den Dienst der Menschen und der Sache. Vorbildern folgt man gerne: sie sind persönlich und fachlich engagiert. Aber Vorbilder sind auch Menschen mit Macht: diese kann ausgenutzt werden. Und Vorbilder sind Menschen mit Charisma: dieses kann verführen und blind machen. Wir suchen Vorbilder, die ihre Macht und ihr Charisma nicht missbrauchen, sondern ihre Fähigkeiten zur Verfolgung von unternehmerischen und gesellschaftspolitischen Zielen einsetzen und dabei selbst kritik- und lernfähig bleiben."

2007 erhielt Thomas Middelhoff diesen Preis.

2008 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Handelshochschule Leipzig (HHL). Aus der Laudatio:


"Er ist von der Überzeugung geprägt, dass die Unternehmensleitung eine zentrale Vorbildfunktion für die Belegschaft erfüllt, und setzt sich für die Professionalisierung der sogenannten Corporate Governance ein (Werte und Grundsätze einer guten und verantwortungsvollen Unternehmensführung). Middelhoff wird zudem für sein Engagement für Corporate Social Responsibility ausgezeichnet. So setzt er sich für die Belange der Naturallianz ein, die unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit steht. Zudem ist Middelhoff Co-Autor des 2007 erschienen Werkes »Berufsbild CSR Manager«. (...) »Die Mission der HHL »Efficient und Responsible Leadership« ist eine Philosophie, die Sie auch in schwierigsten Entscheidungssituationen mit Leben füllen.»

Niemand kann in die Zukunft blicken, und bei jeder Preisverleihung besteht natürlich die Gefahr, dass sie in der Rückschau nur noch peinlich wirkt:

"Denn der ständige Ausschuss des Arcandor-Aufsichtsrates beschloss unmittelbar vor dem Middelhoff-Ausscheiden am 11. Dezember 2008, der Vorstandschef habe sich eine Extrazahlung von knapp 2,3 Mio. Euro verdient. Kurz zuvor hatten die Mitarbeiter von Karstadt als Reaktion auf die Finanzschwäche des Unternehmens für drei Jahre auf den Großteil ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichtet, was dreistellige Millionenbeträge einsparte. Middelhoff aber strich seine Millionen ein. Schlimmer noch: Keine sechs Monate nach der Auszahlung seiner Prämie für besonders gute Leistungen bei der Neuausrichtung war Arcandor am Ende. Das Unternehmen musste Insolvenz anmelden, Tausende Mitarbeiter - vor allem bei Quelle - verloren ihre Jobs."(Quelle)

Die Staatsanwaltschaft prüft Untreue. § 266 StGB ist mittlerweile, muss man kritisch einräumen, zu einer Universalnorm verkommen, bei der nicht selten auch bloße wirtschaftliche Fehlentscheidungen den Verdacht strafbarer Handlungen erregen. Die jetzt bekannt gewordene  Bonuszahlung könnte auf einer Vereinbarung von 2005 beruhen, wie Middelhoffs Anwalt ausführt: Gewisse wirtschaftliche Ziele, für die die Zahlung versprochen wurde, seien bis Dez. 2008 bei Arcandor sogar erreicht worden. Die Staatsanwaltschaft wird dies sicherlich genau prüfen, ebenso wie die angeblich
überhöhten Mietzahlungen der Arcandor an einen Fonds, an dem Middelhoff selbst privat beteiligt war.
Sowohl strafrechtlich als auch kriminologisch sind die Grenzen zwischen Wirtschaft und Wirtschaftskriminalität nicht immer deutlich zu bestimmen.

Inzwischen hat Middelhoff zusammen mit Lahnstein und Berger eine Investmentfirma gegründet (Quelle), auch der frühere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement ist als Aufsichtsrat mit im Boot. Als Investitionsobjekte suchen sie unterbewertete Unternehmen. Manche nennen das die Tätigkeit einer "Heuschrecke" (Quelle).

Aus Sicht einiger Wirtschaftswissenschaftler mag trotzdem noch eine (gern auch mit Wirtschaftsenglisch garnierte) Vorbildfunktion erfüllt sein - zumindest für kreatives Geldscheffeln.

Aber ob das noch irgendwas mit Philosophie und Ethik zu tun hat?

 

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2 Kommentare

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Götz Werner kann man ja verstehen als Preisträger, aber danach scheint das zuzutreffen, was Billy Wilder über Auzeichnungen und Preise gesagt hat. Wenn nach Middelhoff der Nestlé-Chef ausgezeichnet wurde...

Der ethische Bezug ist hier nicht mehr wirklich herzustellen. Aber Begriffsfehlbelegungen und -umdeutungen sind in der immer PR-gesteuerteren Lebenswirklichkeit inzwischen Alltag geworden, um so mehr erfordert es auch aufklärende Gegengewichte in den Medien, die eigenständiges Denken der Bürger forcieren.

 

Interessant ist hingegen allgemein das Themenfeld "Ethische Politikberatung". Zu diesem Thema fand kürzlich eine Tagung der HSS http://www.hss.de/politik-bildung/themen/themen-2010/ethische-politikber... statt, zu der Dr. Katarina Weilert, LL.M., auch einen Tagungsbericht publizierte http://www.hss.de/fileadmin/media/downloads/Berichte/101210-11_TB_EthPol... . Wobei jedoch auch stets zu prüfen ist, welche Ethik wen durch welche Personen und in welchem Umfang berät, so dass nur temporär pr-inszenierte "Ethiken" erkannt und vermieden werden.

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