BKA-Statistik: Jugendgewalt nimmt dramatisch ab!

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 18.05.2010

Anders als in den vergangenen Jahren müssen die Journalisten enttäuscht sein: Außer einem Anstieg von KfZ-Diebstählen (und einem wenig überraschenden Anstieg bei  Computerdelikten - dazu mehr hier) gibt es praktisch keine schlechten Nachrichten in der PKS 2009: Seit sechs Jahren in Folge fällt die registrierte Gesamtdeliktszahl, im zweiten Jahr in Folge geht auch die Zahl der registrierten Gewaltdelikte zurück. Und weit und breit keine dramatische Zahl, die man zitieren könnte.

Nicht einmal mit einer peinlichen statistischen Ente, wie sie im letzten Jahr von allen "Journalisten" von Bild bis FAZ weitergemeldet wurde, ein angeblich gravierender Anstieg der Körperverletzungen auf Straßen, Wegen und Plätzen (siehe hier im Blog), können die BKA-Statistiker aufwarten. Eigentlich müssten die Schlagzeilen morgen lauten: Jugendkriminaliät nimmt dramatisch ab. Eine Überschrift, die wir nirgendwo  lesen werden (siehe aber unten Kommentar #1!), würden sich doch die Leser verwundert die Augen reiben: Was schreibt ihr da eigentlich das ganze Jahr für einen Mist zusammen, wenn die Jugendgewalt doch sogar erheblich zurückgeht?

Doch es ist wahr - Zitat aus der Pressemitteilung des BKA: "Besonders signifikant ist - wie schon in den Vorjahren - der erneute Rückgang bei den jugendlichen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Zurückgegangen sind in dieser Altersgruppe insbesondere die Anzahl der Tatverdächtigen bei der Gewaltkriminalität um fast 9 Prozent (2008: 43.574; 2009: 39.722) sowie bei der in der Gewaltkriminalität enthaltenen gefährlichen und schweren Körperverletzung um 9,4 Prozent (2008: 35.384; 2009: 32.072). Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen bei Körperverletzungsdelikten ist um 7,2 % von 66.719 Fällen im Jahr 2008 auf 61.940 im Jahr 2009 zurückgegangen. Bei Sachbeschädigungsdelikten ist die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen um 10,1 % von 47.730 Delikten im Jahr 2008 auf 42.907 Delikte im Jahr 2009 gesunken."

Wohlgemerkt, das sind die Zahlen aus dem Jahr 2009. Das Jahr, in dem man bei den Bürgern wegen der gewaltbereiten und immer gefährlicheren Jugendlichen mit "hard on crime"-Kriminalpolitik Wählerstimmen gewinnen wollte.  Nun muss man (siehe hier) die Zahlen der Polizeistatistik natürlich äußerst skeptisch betrachten, will man aus ihnen Auskünfte über die Realität des Straftatengeschehens gewinnen. Es werden in der PKS im Wesentlichen nur die angezeigten Delikte aufgeführt. Aber dass gerade in einem Jahr, in dem die Anzeigebereitschaft bei Gewalttaten Jugendlicher sicher kaum abgenommen hat, 9% (das ist eine erstaunlich hohe Zahl!) weniger solcher Straftaten angezeigt wurden, weist auch auf einen Rückgang im Dunkelfeld hin. Dies wird durch die - auch von den BKA-Statistikern angeführten - Opferbefragungen bestätigt:
Zitat aus dem PKS-Kurzbericht:
"Im Unterschied zur Entwicklung im Hellfeld weisen Opferbefragungen schon seit einigen Jahren einen Rückgang der Gewaltkriminalität nach. Seit 2008 scheint sich dieser Trend nun auch im Hellfeld der Kriminalität zu manifestieren." (Quelle)

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6 Kommentare

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Danke für den Hinweis, Herr Müller, - ganz so "dramatisch" (nämlich bezogen gerade auf die "Jugendgewalt") wie es im umgekehrten Fall (eines entsprechenden Anstiegs der Gewaltdelikte Jugendlicher) wäre, ist es dort nicht formuliert, aber immerhin. Gerade der Zeit-Artikel  drückt leider auch wieder an der Statistik herum, um doch noch ein paar Negativposten vermelden zu können.

Ein wichtiges Thema, die sinnlosen Strafschärfungstendenzen. Schreibt doch aktuell die Tagesschau "Weniger Straftaten - besorgniserregende Tendenzen" http://www.tagesschau.de/inland/kriminalitaet112.html und gleich steht wieder die Forderung im Raum "Die Politik arbeite daher an einer Verschärfung des Strafrechts.".

 

Hingegen schrieb auch kürzlich erst Ihr Kollege Prof. Heribert Ostendorf in Humboldt Forum Recht (HFR), wie abwegig eine Strafverschärfung im Jugendstrafrecht ist, die sogar als falsche Maßnahme sicherheitsgefährdent sein kann: "Verschärfungen im Jugendstrafrecht – wider die kriminologische Vernunft" http://www.humboldt-forum-recht.de/deutsch/5-2010/index.html .

 

Daraus: "Wesentliche Gründe der Strafverschärfungstendenzen sieht der Verfasser in einem Orientierungsbedürfnis der Bürger durch Strafrecht und zunehmender sozialer Verunsicherung der Gesellschaft. Dieser muss jedoch vielmehr mit der Stärkung der Familien, mit gesellschaftlichen Vorbildern, mit glaubwürdiger Politik, mit sozialpolitischen Maßnahmen, mit mehr Teilnahmemöglichkeiten am demokratischen Prozess begegnet werden." Ein Großteil der Forderungen würde ich auch auf das Erwachsenenstrafrecht übertragen. Wichtig ist eine solide Sozialpolitik, doch gerade im für die Gesellschaft bedeutendsten und vieldimensionalen sozialpolitischen Bereich wird auf allen Ebenen seit Jahren gespart und gestrichen. Damit wird man jedoch einer tatsächlichen Ursachenbekämpfung von Gewalt und Kriminalität nicht gerecht und entfernt sich weiter von einer Problemlösung.

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Sehr geehrter Herr Müller,

ich lade Sie einmal hier nach Stuttgart ein und schenke Ihnen auch gerne ein Ticket für die S- und U-Bahn unter der Voraussetzung, dass Sie diese nach 21.00 Uhr benutzen.

Am nächsten Tag werden Sie anders über die Kriminalstatistik denken. Und glauben Sie mir. Die freundlichen Menschen, die Sie Ihrer Habe und Ihrer Gesundheit beraubt haben verstehen es mit geradezu schlagkräftigen Argumenten zu verdeutlichen, warum Sie keinen Strafantrag stellen sollten. Und da diese Ihren Personalausweis mit Ihrer Adresse haben werden Sie sich daran halten - jedenfalls wenn Sie Familie haben. Denn auch die Drohung mit Massenvergewaltigung Ihrer Frau und Ihrer Tochter werden einen besonderen Eindruck hinterlassen.

Und am nächsten Tag kommt dann irgendein realitätsblinder Theoretiker und erklärt Ihnen, dass die Straftaten trotz höherer Anzeigebereitschaft zurückgegangen sind.

Kommen Sie bitte in der Realtität an!

Viele Grüße

Sven

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@ Sven

Die Zahlen beziehen sich auf das gesamte Bundesgebiet.

Regional kann das natürlich stark differieren.

Es ist leider schon immer so, dass immer wieder punktuell Schwerpunkte entstehen,

die erst nach und nach durch Polizei und Justiz normalisiert werden können.

 

 

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Sehr geehrter Herr Sven,

Ihrer Einladung nach Stuttgart würde ich nur zu gerne folgen, zumal ich Stuttgart noch nicht kenne. Als "Experiment", um die "Realität" in Stuttgart festzustellen, erscheint die mir versprochene S/U-Bahn-Fahrt aber denkbar ungeeignet: Entweder es passiert der von Ihnen angekündigte/vermutete Raubüberfall. Dann belegt das nur im Einzelfall, was ich nirgendwo bestritten habe: Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich auch ein Dunkelfeld und möglicherweise ist es gerade im Stuttgarter Untergrund gerade besonders gefährlich und die Täter besonders effektiv im Verhindern einer Strafanzeige. Passiert aber nichts dergleichen, dann bestätigt dies keineswegs meine These eines Rückgangs der Jugendgewalt, denn, wie Sie zu Recht sagen werden, könnte es reines Glück sein, dass es mich an diesem einen Abend nicht erwischt hat. 

Im Übrigen ist auch der Einwand von tourix zu bedenken: So lässt sich etwa in einigen Großstädten ein gegenläufiger Trend feststellen, also ein Anstieg der registrierten Straftaten, während insgesamt weniger Gewaltstraftaten in D polizeilich registriert werden.

"Real" ist wohl beides, nämlich dass die Jugendgewalt insgesamt zurückgeht und dass weiterhin - auch grausame - Straftaten stattfinden.

Aber dennoch Dank für die Einladung nach Stuttgart, die ich ggf. gern wahrnehmen werde.

Henning Ernst Müller

 

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