Zur Gewalt auf deutschen Straßen - fehlerhafte BKA-Kriminalstatistik beeinflusst politische Debatte

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller, veröffentlicht am 20.09.2009

Als das BKA im Frühsommer die polizeiliche Kriminalstatistik für 2008 veröffentlichte, wurde zunächst fast ausschließlich über eine Zahl berichtet: Die Gewalt auf öffentlichen Straßen , Wegen und Plätzen sei um 9,1 % gegenüber 2007 gestiegen. (Fast) alle Medien berichteten darüber mit dem Tenor: Immer brutaler geht es zu auf deutschen Straßen. Der Chef der Polizeigewerkschaft forderte mit Bezug auf diese Zahl mehr Polizeistreifen. Als dann wenige Tage später Herr Schäuble die Statistik vorstellte, gab es für viele eine Überraschung: Fast alle Trends zeigten nach unten: Die Gesamt-Hellfeldzahl der Delikte, aber auch die Zahl der registrierten Gewaltdelikte ist im Jahr 2008 gegenüber 2007 rückläufig. Ebenso fast alle anderen Zahlen in der Statistik.

Nur die eine Zahl, nämlich (gef. und schw.) Körperverletzungen auf Straßen, Wegen oder Plätzen sollte demgegenüber – und zwar erheblich – gestiegen sein? Dies widersprach meiner kriminologischen Intuition. Es passt einfach nicht zusammen. Leider war zunächst noch nicht die Gesamtstatistik veröffentlicht worden, sondern nur ein Vorab-Bericht. Wegen neuer sechsstelliger statt vierstelliger Kennzahlen (Straftatenschlüssel) verzögerte  sich die Veröffentlichung.

Da die Statistik des BKA zusammengesetzt ist aus den zuvor veröffentlichten Statistiken der LKA der Bundesländer, kann man aber nachprüfen, woher die Zahlen stammen. Bei der Prüfung ergab sich für mich Erstaunliches: Einige Bundesländer hatten eine gravierende Steigerung von bis zu weit über 100 % verzeichnet, in anderen war die Zahl sogar gefallen. Dies konnte nur mit einer fehlerhaften Erfassung oder Berechnung erklärt werden. Ein Hinweis fand sich in der Statistik des Landes NRW. Ich habe hier
davon berichtet.

Wie ging es weiter? Ich schilderte den verantwortlichen Statistikern des BKA meine Vermutung und sie wurde bestätigt: Die Kategorie wird für 2008 erstmals (mit Einführung der neuen sechsstelligen Straftatenschlüssel) überhaupt ermittelt. Da aber – aufgrund wessen Anweisung auch immer – unbedingt eine Vergleichszahl für 2007 vorgelegt werden sollte, hat jedes LKA seine eigene Vergleichszahl herangezogen, dabei entstand offensichtlich Chaos: Z.B. in Ba-Wü ergab sich eine Steigerung um 225 %, in Meck-Pomm 191 % - d.h. die in diesen beiden Ländern angeblich zusätzlich gezählten Delikte sind fast allein für die bundesweite Steigerung verantwortlich. In Brandenburg verringerte sich die Zahl hingegen um 26 %. Heraus kamen also erstaunliche Abweichungen und eine statistisch absolut unzulässig berechnete Gesamt-Steigerungsrate von über 9 %.
Auf meine Nachfrage, ob dies denn redlicherweise überhaupt veröffentlicht werden dürfe,  antwortete der freundliche BKA-Statistiker, man werde selbstverständlich in die endgültige Fassung (die ja zum Zeitpunkt meines Telefongesprächs noch nicht fertig war) einen ähnlichen Hinweis wie in NRW aufnehmen.
Aber: In der nunmehr veröffentlichten Langfassung der PKS 2008 fehlt der Hinweis auf die fehlerhafte, unzuverlässige Steigerungsrate. Angeblich seien im Jahr 2007 ca. 66000 Körperverletzungen auf Straßen Wegen und Plätzen gezählt worden, im Jahr 2008 aber fast 73000, daraus errechnet sich die Steigerung von 9,1 %. Die Zahl von 2007 – so muss ich nach meinen Recherchen feststellen – ist eine Phantasiezahl, und das gilt daher auch für  die Steigerungsrate. Es ist im Gegenteil sehr wahrscheinlich, dass auch die Körperverletzungen, ebenso wie alle andern Delikte der Straßenkriminalität und das gesamte Hellfeld im Jahr 2008 rückläufig waren.

Ich hatte diese Sache schon fast wieder vergessen, aber heute wurde mir klar, dass sie in der aktuellen politischen Debatte um Gewaltdelinquenz ein wichtige Rolle zu spielen beginnt: In der FAZ-Sonntagszeitung schreibt Richard Wagner zu dem Vorfall in München/Solln Zitat:
Generelle Zunahme der Gewaltbereitschaft
Kürzlich hat man sich an neuen Zahlen erfreuen dürfen, die einen Rückgang der Kriminalität im Lande zeigten. Das Bild ist komplexer. Während die Rate insgesamt sinkt, so ist doch eine generelle Zunahme der Gewaltbereitschaft zu beobachten. Die betrifft vor allem Übergriffe auf der Straße. Fast 73.000 Fälle gefährlicher und schwerer Körperverletzung wurden im vergangenen Jahr registriert, ein Zuwachs von annähernd zehn Prozent.
“ (Quelle)

Ich kann es Herrn Wagner nicht verdenken, dass er diese Zahlen zitiert und argumentativ verwendet um zur "Rückeroberung des öffentlichen Raumes" aufzurufen, wobei man sich von den "überspannten Mahnern, die in ihrer Staatsunfreundlichkeit stets den Überwachungssaat wittern" nicht irritieren lassen solle.

Verantwortlich ist das BKA. Und ich möchte dazu die Frage stellen: Warum wurde trotz meines Hinweises und der Zusage, in der ausführlichen Statistik kein Wort darüber verloren? Auf S. 238 heißt es: "Während es bei Landfriedensbruch, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung auf
Straßen Wegen oder Plätzen und bei sonstiger Sachbeschädigung auf Straßen, Wegen oder Plätzen einen
teils starken Anstieg der erfassten Fälle gab..."
  [(Update 21.09.): Es findet sich, versteckt in einer Fußnote auf S. 36, allerdings Folgendes: "Der Anstieg ist hauptsächlich auf verbesserte Erfassungsmöglichkeiten im 6-stelligen Straftatenschlüssel zurückzuführen"]
Weltanschauliche Interessen der Statistiker scheinen keine Rolle gespielt zu haben, sonst hätten sie mir nicht so bereitwillig Auskunft gegeben und an anderer Stelle zur Gesamtentwicklung der Gewaltdelinquenz auch nicht das Folgende geschrieben:
„Im Unterschied zur Entwicklung im Hellfeld wiesen Opferbefragungen schon seit einigen Jahren einen Rückgang der Gewaltkriminalität nach. Im Jahr 2008 scheint sich dieser Trend nun auch im Hellfeld zu manifestieren. Das vielfältige Engagement der letzten Jahre scheint mittlerweile Wirkung zu zeigen.“ (PKS, BKA, S. 227, link).

 

Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlenDruckversion

Hinweise zur bestehenden Moderationspraxis
Kommentar schreiben

Kommentar hinzufügen

*/